Hamburg; „Henry Moore“ Anpassung? Nirgends. In Henry Moores Kunst nicht, versteht sich, und nicht bei der Ausstellung, die einige Großplastiken auf der Moorweide zeigt, einem Gelände vor dem Dammtorbahnhof, mitten in der Stadt (die Plastiken sind bis zu 332 cm hoch und bis zu 550 cm lang). Mit dem Charakter sonst üblicher Ausstellungen „Plastik im Freien“ hat diese Demonstration nur bedingt etwas zu tun. Zwar profitiert man auch hier von der Ortsveränderung der Objekte. Es gibt keine Schwellen und dementsprechend keine Schwellenangst, wie sie sich in Museen und Galerien nicht selten einstellt. Der Besucher kann, frische Luft schnappend, jedes Werk beliebig umkreisen und jedem Werk genießerisch viele Aspekte abgewinnen, vieles selber entdeckend In anderen Fällen von „Plastik im Freien“ kann man oft das Ambiente genießen, den Zusammenklang von Kunst und Natur, Bäumen, Büschen, Rasenflächen, Himmel und Wolken. Hier, bei Moore: ein ganz anderer Fall. Biederkeit kommt nicht auf, keine ästhetisierende Gemütlichkeit, keine Schöngeisterei. Die Mooreschen Bronzeplastiken und die Hamburger Moorweide, der weite Rasen, die Bäume, das Panorama mit zahlreichen Gebäuden im Mittel- und Hintergrund: eine dialektische Beziehung, ein Disputierverhältnis, ein Verhältnis des kecken Widerstandes und der Provokation – eine dramatische Situation. Das war ja schon alles längst bekannt: der archaische, antiakademische und antiklassische, der spezifisch Mooresche freiheitliche Stil, das Verfahren, Inspirationen in einen „biomorphen Surrealismus“ einzubringen, Raum zum Mitwirken, zum Mitgestalten zu bewegen, Löcher, Durchbrüche, Aushöhlungen, Senkungen in die künstlerische Syntax einzubeziehen – auch die Methode, Plastik nicht immer in einem, sondern zuweilen in mehreren Stücken zu erstellen. Das sind nicht schwach gewordene, sondern immer neu sich regenerierende Herausforderungen, an eine Gesellschaft und eine Zeit. Wir haben uns daran gewöhnt, daß bei kulturellen, bei künstlerischen Veranstaltungen oft (mit arger Verlegenheit) von „Denkanstößen“ gesprochen wird. Nun, hier, bei Moore, wird nicht „angestoßen“, sondern aufgerüttelt. Kunst ist, so hat Moore einmal gesagt, eine fortlaufende Aktivität ohne Trennungslinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf Moore selbst trifft, das Diktum genau zu: Das Archaische, hier wird es Ereignis. – Der Galerist Thomas Levy, der die großartige Ausstellung mit viel Mut, Geld und Organisationsgeschick zustande brachte (allein Transportkosten von zirka 50 000 Mark), zeigt in seinen Galerieräumen am Rande; der Moorweide ergänzend höchst attraktive Zeichnungen, Graphiken, Maquetten (bozzetti). (Galerie Levy bis Ende August, Katalog 10 Mark, Faltblatt der Plastiken auf der Moorweide gratis)

René Drommert

Köln: „Antonius Höckelmann“

„Gefolterte Frau (auf blauem Grund)“ – Titel einer 1978 von Antonius Höckelmann mit farbigen Wachskreiden und Tusche gezeichneten Arbeit. Ein Titel, der neben der Zwei-mal-ein-Meter-Zeichnung verschwindend klein wirkt und mich beim Ausstellungsrundgang doch ins Stocken bringt mit seiner merkwürdigen Verbindung von Folter und ästhetischer Beschreibung des farbigen Bildgrundes. Daß beides nicht nur in dieser Arbeit zusammentrifft, das Schöne und Häßliche, Kraftvolle und Fragile, Roheit und Sensibilität, Alltägliches und eine darüber hinausweisende (Kunst-)Form sich auch in anderen Bildern Höckelmanns zu verbinden suchen, ist in der großangelegten Werkschau der Kunsthalle zu überprüfen – vorausgesetzt, man kapituliert nicht angesichts der präsentierten Menge. Die Besucher (und Bilder) leicht erschlagende Mammutschau (219 zum Teil wandbildartige Zeichnungen und 28 Skulpturen aus den letzten zwanzig Jahren verzeichnet der Katalog) rückt einen Bildhauer und Zeichner ins Blickfeld, der bisher eher zu den Stillen im Lande zählte und fernab des lauten Kunstmarktrummels sein unangepaßtes Œuvre entwickelte. So konnte sich der heute 43jährige, nach längerer Ausbildung als Holzbildhauer und Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, „bis Mitte der sechziger Jahre eine Sprachmöglichkeit der Skulptur erarbeiten, die von der Kunst der Manieristen, aber auch von der plastischen Auffassung, wie Höckelmann sie im Werk von Otto Freundlich kennengelernt hatte, geprägt war. Es ging ihm darum, ein Werk zu schaffen, das sich frei im Raum befinden und keine bestimmte Ansichtsseite aufweisen sollte. „Seine Skulptur hatte die Eigenschaft, weniger begrenztes Werk als Haltepunkt in einem fortwährenden Prozeß zu sein“, notiert der Ausstellungsmacher Siegfried Gohr über den Künstler, der 1970 nach Köln übersiedelte und zu dieser Zeit auch in seiner Arbeit einen neuen Abschnitt einleitete. Fragmente aus dem persönlichen Umfeld wurden ins Werk einbezogen, Fundstücke, Photos, Illustriertentitel, reales plastisches Material in den Skulpturenorganismus aufgenommen. Und auch in den parallel entstandenen Zeichnungen sind nun immer wieder Spuren des Alltags zu entdecken. Die Art, in der Höckelmann mit realen Begebenheiten umgeht, hat trotz deutlicher Realitätszitate jedoch wenig mit vertrautem Realismus zu tun. Die aufgegriffenen Realitätspartikel findet man bei ihm zwischen bizarren und barocken Zeichen, schwingenden kreisenden Schraffuren, pflanzenähnlichen Formen und Wucherungen, die dann allerdings manchmal auch den Ausgangspunkt überwuchern, unkenntlich machen und im dichten ästhetischen Geflecht zu Kombinationen führen, die angesichts „schöner Kunst“ und „grausamer Wirklichkeit“ höchst zwiespältige Gefühle hervorrufen können. (Kunsthalle bis 17. August, Katalog 20 Mark) Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Ellsworth Kelly“ (Kunsthalle bis 7. September, Katalog 25 Mark)

Berlin: „Bilder vom Menschen in der Kunst des Abendlandes“ (Neue Nationalgalerie bis 28. September, Katalog 30 Mark)