Schorndorf

Ein Traumjob, dachte Günther Emig: Die württembergische Kreisstadt Schorndorf suchte einen neuen Bibliotheksleiter. Er sollte den Buchbestand der Stadtbücherei verdreifachen und zu diesem Zweck auch eine Reihe neuer Mitarbeiter einstellen. Emig, der nach seiner Ausbildung wie viele seiner Kollegen von einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ lebte, rechnete sich kaum Chancen aus, die Stelle in Schorndorf zu erhalten. Um so überraschender für ihn, daß er dann doch unter den vielen Mitbewerbern ausgewählt wurde. Vier Tage vor Dienstantritt aber verzichtete Emig freiwillig.

Erste Bedenken waren dem 27jährigen Bibliothekar schon auf dem Weg nach Schorndorf gekommen. Emig wunderte sich, warum der amtierende Büchereileiter die Stelle eigentlich aufgeben wollte. Angesichts des groß angelegten Bibliotheksneubaus nahm es sich seltsam aus, daß sich sein Vorgänger anderswo um. eine schlechtere Stelle bewarb. Die Erklärung fand Emig in einem Leserbrief an die Fachzeitschrift Buch und Bibliothek, in dem sich Amtsvorgänger Jürgen Betzmann – ohne sich selbst als Betroffener zu identifizieren – über die merkwürdigen Vorgänge in „einer württembergischen Kleinstadt“ ausließ. „Ein Oberbürgermeister“, so hieß es dort, „gibt dem Leiter der Stadtbücherei die Weisung, künftig alle Buchbestellungen von der Verwaltung kontrollieren zu lassen.

Daß Emigs Bedenken nicht unbegründet waren, sollte sich schnell bestätigen. „Ziemlich unvermittelt“, erinnert sich der Germanist und Politologe, „erkundigte sich Hauptamtsleiter Rommel während des Vorstellungsgespräches nach meiner Weltanschauung.“ Die Antwort, er sei in keiner Partei, wurde nicht akzeptiert. Schließlich, so beschied Rommel, ginge es darum, „einseitige Buchanschaffungen“ durch den neuen Büchereileiter auszuschließen.

Dennoch erhielt der junge Mann bald darauf eine förmliche Mitteilung des Schorndorfer Personalamtes, daß man ihn einstellen werde. Der Arbeitsvertrag allerdings gab erneut Anlaß, stutzig zu werden. Hatte es in der Stellenausschreibung noch geheißen, Schorndorf suche einen Büchereileiter, so war im Vertrag nur noch die Rede von einem Angestellten, der nach Entscheidung des Arbeitgebers auch auf anderen Arbeitsplätzen eingesetzt werden dürfe. Überdies sollte Emig auf einem Formular bestätigen, daß er in der „Leitung der Stadtbücherei politische Ausgewogenheit an den Tag legen“ werde.

Unter diesen Umständen wollte Emig seinen Vertrag nicht unterschreiben. In einem Gespräch begründete dann Schorndorfs Oberbürgermeister Bayler „aus seiner Sicht“ die obskuren Einstellungspraktiken der Stadt. Mit Emigs Vorgänger Betzmann sei es zum Konflikt gekommen, weil dieser bei einer Ausstellung des atheistischen Deutschen Monistenbundes einen Büchertisch aufgestellt hatte. Die Bücher selbst mochte Bayler gar nicht mal beanstanden. Er störte sich vielmehr daran, daß der städtische Büchertisch der Veranstaltung einen „offiziellen Anstrich“ gegeben habe, der ihr nicht zukomme.

Die Schlußfolgerung, die der Bürgermeister aus dieser Affäre zog, setzte Emig nun vollends ins Erstaunen. Weil er sich fortan mehr um die Bücherei „kümmern“ wolle, hatte Oberbürgermeister Bayler eine Damenkommission ins Leben gerufen. Vier „literarisch interessierte“ Frauen sollten über die Bibliotheksausstattung wachen. Nein, Emig brauche keine Angst zu haben, fuhr Bayler beruhigend fort, daß er nun dem literarischen Kränzchen jedes einzelne Buch vorlegen müsse. Es gehe nicht um einzelne Stücke, sondern um die „große Linie“.