Zum Tode von Reza Pahlavi: Gigantismus in einem unterentwickelten Land

Von Andreas Kohlschütter

Der Shayade-Turm, dieses gewaltige Bauwerk an der Einfahrt zum Flughafen von Teheran, zeugt von vergangener Pracht. Der Shah-in-Shah, der König der Könige, der Aryamer, das Licht der Arier, Kaiser Mohammed Reza Pahlavi, hatte ihn 1971 auf dem Höhepunkt seiner Macht zum 2500jährigen Bestehen des persischen Imperiums errichten lassen. Das einst strahlende Weiß des Monuments ist heute von einer grauen Schmutzschicht überzogen, seine Sockel sind mit Slogans der islamischen Revolution beschmiert. Die vier massigen Füße des Prunkbaus schwingen sich elegant in einer schlanken Ellipse empor, vermitteln den Eindruck von in höchste Höhen strebender Schubkraft. Doch Harmonie und Dynamik werden jäh gestoppt, der Turm bricht plötzlich ab. Er wirkt so verstümmelt und unvollendet wie die himmelstürmende Schah-Ära, so abrupt am Ende wie die Maßlosigkeit, Arroganz und der blinde Ehrgeiz des Schah von Persien.

Dieser Shayade-Turm ist Monument, Denkmal, Grabmal zugleich einer Epoche, der der nun im Alter von nur 61 Jahren gestorbene Mohammed Reza Pahlavi den Stempel aufdrückte; Ausdruck seines fanatischen Willens, nicht nur persische, sondern auch Weltgeschichte zu machen; Ausdruck anfänglichen Gelingens und letztlichen Versagens; Symbol für den fehlgeschlagenen Versuch, neue persische Größe zu schaffen und das Land bis zum Jahre 2000 auf Platz fünf der führenden westlichen Industrienationen hochzupeitschen, aus dem Mittelalter in die atomare Neuzeit.

Es fällt schwer, diesen besessenen Missionsdrang des Schah von seinem unbändigen Machttrieb zu trennen. Die Entwicklungsdiktatur, die der erleuchtete Monarch dem Iran aufzwang, verstand er als Wohltat für alle, benützte sie indes auch als Instrument zur Festigung und Ausweitung seiner unantastbaren kaiserlichen Alleinherrschaft. „Wie wäre es möglich, daß ein reinrassiger Iraner mir nach dem Leben trachtet, wo ich doch aus meiner Sicht, und ohne aufschneiden zu wollen, dem Land solche Dienste erweise“, erklärte der Schah vor einigen Jahren.

Die im Januar 1963 vom Schah diktierte „Weiße Revolution“ war auf das vermessene Ziel ausgerichtet, bis zum Ende der achtziger Jahre in Iran die für alle Welt beispielhafte „große Zivilisation“ zu errichten. In der schließlich auf siebzehn Programmpunkte erweiterten „Charta des Schah“, diesem vom Kaiser seinem Volk geschenkten und befohlenen Fortschritts- und Glücksrezept, war mit des Spenders eigenen Worten alles enthalten, „was ein Mensch von der Wiege bis zur Bahre nötig hat“. Dazu gehört unter anderem: Landreform, Volksaktien, Gewinnbeteiligung von Arbeitern, Wahlrecht für Frauen, Massenalphabetisierung, Volksgesundheitskampagnen, ein Hilfskorps für die Landwirtschaft, Preisüberwachung, kostenlose Erziehung, freie Nahrungsabgabe an Kleinkinder bedürftiger Eltern, Sozialversicherung für alle Iraner.

Eine Anfechtung dieses Programms hielt der Schah im totalitären Glauben an seine Weitsicht und an die nicht zu schlagende, wundertätige Kraft des materiellen, wissenschaftlich-technischindustriellen Fortschritts ganz einfach für ausgeschlossen. Politische Opposition betrachtete er deshalb als reine Zeitverschwendung und Kraftvergeudung für unnütze Querelen: „Es ist mir schwer, gegen all die Reformen, die wir einführen, etwas vorzubringen. Wer in diesem Lande sollte denn diese Reformen in Frage stellen? Was kann man soviel Fortschritt schon entgegenhaltten? Opposition also wozu und durch wen?“