Wenn ich überstürzt fliehen, auswandern, mein schönes Vaterland für alle Zeit verlassen müßte und hätte, gesetzt einmal den Fall, nur Gelegenheit, ein Handgepäck zusammenzuraffen ... Alles Theorie, aber nun die Frage: Was nähme ich wohl mit auf die Reise?

Da wäre, gesetzt den Fall, auch keine Minute zu verlieren, geschwind also: das greifbare Geld natürlich, Schecks, Medikamente, das Augenglas, das Notizbuch mit Adressen und Telephonnummern, Schmuck, wenn ich welchen hätte, vor allem aber die Personalpapiere, auf daß ich im fremden Land meine Identität nachweisen könnte, den Reisepaß.

Traven hat die Geschichte eines Deckarbeiters geschrieben, der seine Seemannskarte verloren hatte. Der wäre besser nicht geboren worden. Yes, Sir! Der Reisepaß gehört zum Unerläßlichen meiner Habseligkeiten. Er läge zuoberst im Fluchtgepäck. Denn der Paß – das bin doch ich.

Seit neuestem weiß ich freilich, daß mein Reisepaß mir nicht gehört und daß es folglich Diebstahl wäre, wenn ich, ohne ihn seinen Besitzer ordnungsgemäß zurückzugeben, auf die Reise ginge. Wie das?

Nun – nach jeweils zehn Jahren ist so ein Paß abgelaufen und wird nicht mehr verlängert. Das ist sinnvoll. Der Mensch gleicht seinem zehnjährigen Photo nur noch wie ein älterer Bruder. Die Haare sind grau oder grauer, die Krähenfüße tiefer geworden. So weit, so gut.

Bisher hatte ich mir den ungültigen Paß wiedergeben lassen. Ich denke mir, daß ich später einmal darin blättern werde wie in einem Buch der Erinnerung: Da sind die Spuren und Daten der ersten Reise ins Ausland, der längsten, aufregendsten, schicksalsträchtigsten. Ich möchte im Alter alle Reisen meines Lebens wiederholen, von Fjorden und Wüsten träumen, von Elefanten, blauen Bergen und von der Sonne, die nicht untergeht.

Bisher wurde der alte Paß ungültig gestempelt, durchlöchert und an den Ecken beschnitten. Ich verstehe schon: Auch blinde Grenzwächter sollen die absolute Wertlosigkeit des Dokuments flugs ertasten können. Mit einem so zugerichteten Paß treibt keiner mehr Mißbrauch.