Die Europäer, zumal die Bonner, lassen keine Möglichkeit mehr aus, um den einmal gefaßten Entschluß zur Initiative in der Nahostpolitik auch in die Tat umzusetzen. Sie haben ihr Engagement sogar noch verstärkt. In dieser Woche kam König Hussein von Jordanien nach Bonn, in der vergangenen Woche war der Generalsekretär der Arabischen Liga zu Besuch, und am Dienstag ist der Luxemburger Gaston Thorn im Auftrage der westeuropäischen Neun zu einer Erkundungsreise in den Vorderen Orient aufgebrochen.

Dabei ist es schwieriger, den realen Nutzen für eine Friedenslösung im Nahen Osten vorherzusehen, als zu begreifen, von welchen Interessen sich die Europäer zu ihrem Tun angespornt fühlen. An erster Stelle steht noch immer die – begründete – Befürchtung, übergreifender Funkenflug könnte die drei geographisch benachbarten Krisenregionen Nahost, Iran und Afghanistan in einen gigantischen Flammenherd verwandeln. Die Sorge dauert an, weil Jimmy Carters Camp-David-Politik auf beunruhigende Weise festgefahren ist und weil der israelische Ministerpräsident Begin den von ihm per Obstruktion herbeigeführten Stillstand rigoros nutzt, um neue Fakten zu schaffen.

Der Entzug jeglichen Rückhalts für diese Politik Israels durch die Europäer geht einher mit der fortdauernden Aufwertung der Palästinenser als Verhandlungspartner im Friedensprozeß. Die anvisierte europäisch-arabische Außenministerkonferenz schafft hier unwiderrufliche Tatsachen. Doch die europäischen Initiativen enthalten auch Schwächen. Der Gegensatz zu Amerika sollte nicht auf die Spitze getrieben werden. Und vor der Präsidentschaftswahl auf ein amerikanisches Nahost-Wunder zu hoffen, wäre naiv.

Zudem: Der ägyptische Staatspräsident Sadat hat es auf sich genommen, seine Bereitschaft zum Frieden mit Israel mit der Isolierung und Achtung im Lager der Araber zu bezahlen. Eine Außenministerkonferenz der neun europäischen Staaten mit den Mitgliedern der Arabischen Liga müßte Sadats Stellung ungemein erschweren.

Damit sind die europäischen Initiativen nicht ad absurdum geführt. Aber Tempo und Intensität werden dieser Erkenntnis unterworfen werden müssen. er