• Herr Giesel, eine in die Bundesrepublik importierte Tonne Rohöl kostete im Dezember vergangenen Jahres knapp 350 Mark, im Jahr 1980 hingegen mehr als 450 Mark. Dennoch ist das bedeutendste daraus hergestellte Produkt, das leichte Heizöl, für den Verbraucher nicht teurer geworden. Wie erklären Sie sich das?

Giesel: Es ist richtig, daß sich die Grenzübergangspreise für Rohöl zwischen Dezember 1979 und Juni 1980 um mehr als 100 Mark je Tonne erhöht haben. Gleichzeitig sind jedoch die Spotnotierungen für leichtes Heizöl am Rotterdamer Markt von rund 630 auf 560 Mark je Tonne gesunken. Der Preis auf dem deutschen Markt setzt sich traditionell aus dem Raffinierieabgabepreis und den Preisen für das importierte Heizöl zusammen. Während die in Rotterdam zu. zahlenden Preise im Dezember vergangenen Jahres zu einem Mischpreis führten, der über dem Abgabepreis der deutschen Raffinerien lag, führen sie gegenwärtig dazu, daß der Marktpreis trotz steigender Rohölnotierungen gleich bleibt.

  • Den unveränderten Verbraucherpreisen steht allerdings ein erhöhter Raffinerieabgabepreis gegenüber. Nach unseren Informationen zahlt ein Vertragskunde bei einer deutschen Raffinerie heute etwa fünf Pfennig je Liter mehr als im Dezember 1979. Aber auch damit bleibt, die „Zunahme der Heizölpreise weit hinter den Rohölpreisen zurück. Ist das Heizölgeschäft noch kostendeckend?

Giesel: Die Inlandsabgabepreise der Raffinerien sind seit September – um rund 60 Mark je Tonne erhöht worden. Bei einer Preissteigerung für Rohöl um rund hundert Mark je Tonne wurde hiermit beim leichten Heizöl nur ein produktbezogener Kostenanteil von 60 Prozent erwirtschaftet. Dabei sind die im Vergleich zu 1979 weiter gestiegenen Verarbeitungskosten noch nicht berücksichtigt.

  • Ihre Branche hofft nun darauf, daß die Verbraucher nach der Rückkehr aus dem Urlaub an den Heizölvorrat für den Winter denken. Aber ist das Marktgleichgewicht wirklich wiederherzustellen, oder führt nicht vielmehr ein verändertes Verbraucherverhalten dazu, daß der Heizölmarkt auf längere Sicht ein Käufermarkt bleibt?

Giesel: Die augenblickliche Situation verdeutlicht zunächst einmal, daß der Markt funktioniert. Allerdings rechnen wir nicht damit, daß der bestehende Angebotsüberhang (Käufermarkt) ein Dauerzustand bleiben wird. Es ist unverändert die erklärte Politik der meisten Rohölförderländer, das Angebot an Rohölfertigprodukten begrenzt zu halten. Wir rechnen deshalb damit, daß das im Augenblick bestehende Überangebot in absehbarer Zeit Vergangenheit sein wird. Kurzfristige Ausschläge in Richtung auf einen Käufermarkt sind allerdings nicht auszuschließen.

  • Ist denn die Raffineriestruktur in der Bundesrepublik noch zeigemäß? Gibt es nicht vielmehr neben dem Überschußprodukt schweres Heizöl mit dem leichten Heizöl ein zweites Problemerzeugnis, weil hier am leichtesten Einsparungen zu erzielen sind?

Giesel: Die deutsche Raffineriestruktur ist besser als ihr Ruf. So ist die Konversionskapazität – also die Möglichkeit, schwere Produkte in Heizöl oder Benzin umzuwandeln – von 17,5 Millionen Tonnen im Jahre 1970 auf gegenwärtig 31,2 Millionen Tonnen gestiegen. Im Vergleich dazu sind die Konversionskapazitäten in den europäischen Nachbarnländern. eher bescheiden. Dennoch wird die Raffineriestruktur in der Bundesrepublik auch künftig zwangsläufig einem Anpassungsprozeß unterworfen sein und sich nach den Gegebenheiten und Anforderungen des Marktes einerseits und denRohöl Verfügbarkeiten andererseits auszurichten haben. Damit werden sich die Ausbeuterelationen für die einzelnen Fertigprodukte – zum Beispiel für leichtes Heizöl und Chemiebenzin – mit Sicherheit verändern.