Arbeiten die Deutschen nicht genug? Ein Wort des Wirtschaftsministers erregt noch immer die Gemüter.

Otto Graf Lambsdorff, Bundeswirtschaftsminister und prominenter FDP-Politiker ist ein fleißiger Mann. Schon früh am Morgen ist er bereit, Journalisten zu empfangen, um zwischen Butterbrötchen und Frühstücksei Interviews zu geben. Und wenn er das Ministerium verläßt, ist der Arbeitstag zumeist noch nicht zu Ende. Verständlich, daß die 40-Stunden-Woche für ihn ein Fremdwort ist.

Otto Graf Lambsdorff ist ein Liberaler von altem Schrot und Korn, für den Rendite, Produktivität, Wachstum, Wettbewerb und Markt die Schlüsselworte der Wirtschaft sind. Für das Adjektiv „sozial“, das Ludwig Erhard der Marktwirtschaft vorangestellt hat, hat er seine eigene, oft eigenwillige Auslegung, mit der er bei den sozialdemokratischen Koalitionspartnern auch häufig aneckt.

So nimmt es nicht wunder, daß der Minister nach seiner Japan-Reise unter dem Eindruck des Gesehenen leichtzüngig die Forderung erhob, die Deutschen müßten mehr und produktiver arbeiten. Und es nimmt bei dem distanzierten Verhältnis zwischen dem Minister und den Gewerkschaften auch nicht wunder, wenn diese darin gleich eine „Diffamierung des deutschen Arbeiters“ sahen.

Zu fragen ist aber, ob der Minister ebenfalls jener Japan-Hysterie verfallen ist, die in Unternehmen, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften immer weiter um sich greift? Zu fragen ist auch, ob der japanischen Herausforderung mit jener ebenso griffigen wie simplen Formel „mehr, und produktiver arbeiten“ zu begegnen ist?

Die Opel-Arbeiter in Rüsselsheim würden sicher gern ein paar; Überstunden machen, statt mit „Freisetzungen“ konfrontiert zu sein, weil die Modelle weniger gefragt sind. Aber auf die Modellpolitik haben sie keinen Einfluß.

Und nutzt es etwas, wenn der Chemie-Arbeiter in den Bayer-Werken einige Stunden mehr arbeitet? Sein Arbeitsablauf wird vom Produktionsprozeß und von den chemischen Reaktionen bestimmt.