/ Von Hanjo Kesting

Der Umschlag des Buches zeigt ein Bild von René Magritte: „Panorama populaire“ von 1926. Simultan auf drei sich überlagernden Ebenen stellt es verschiedene Aspekte von Landschaft dar: Stadt, Wald und Meer. Am merkwürdigsten erscheint die mittlere Ebene mit der Darstellung des Waldes. Die Bäume steigen ohne alle Wurzeln unmittelbar aus der sie tragenden Fläche empor, und auch die Fläche selbst schwebt als kurvig ausgesägte Holzplatte, im leeren Raum: ein Wald ohne Boden mit Bäumen ohne Wurzeln.

Man ist versucht, nach der Beziehung des Bildes zu dem Buch zu fragen, dessen Umschlag es schmückt –

Jean Améry: „Örtlichkeiten“, mit einem Nachwort von Manfred Franke. Klett-Cotta, Stuttgart, 1980; 143 S.; 22,– DM.

Die Beziehung scheint, zunächst nur äußerlich: Der Autor Jean Améry brachte rund 35 Jahre seines Lebens in Brüssel zu, der Heimatstadt des Malers Magritte. Aber angesichts eines Buches, das von „Örtlichkeiten“ handelt, ist schon solche Gemeinsamkeit des Ortes mehr als eine biographische Zufälligkeit; Doch Bild und Buch hängen auch tiefer zusammen. So wie Magritte einen bodenlos-abgründigen Wald malte, so berichtet Améry über Stationen eines bodenlosen und entwurzelten Lebens. Mit dem Unterschied, daß das, was bei Magritte noch als allgemeine Daseins-Chiffre gedeutet werden könnte, bei Améry dingfest gemacht wird als konkrete geschichtliche Erfahrung.

Schon auf der dritten Seite des Buchs wird uns, keineswegs zur Erheiterung, ein Witz erzählt: „Warum gehen die Juden so gerne ins Café? Nun, dort ist man nicht daheim und doch nicht in der frischen Luft “Heimatlosigkeit als Grunderfahrung jüdischer Existenz, gefaßt in einem selbstquälerischen Witz. Améry schrieb: „Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben...“