Mut zum Untergang wird sich die Konventsmehrheit der Gesamthochschule Kassel. nicht unbedingt selbst attestieren wollen. Doch was sie: dazu bewogen haben mag, den 32jährigen Hochschuldidaktiker aus Osnabrück, Michael Daxner, zum Präsidenten dieser Reformuniversität zu wählen, läßt sich kaum anders umschreiben. Gewerkschaftlich organisierte Hochschullehrer, linke Studentengruppen und die Listenverbindungen der nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter wollten den amtierenden Präsidenten Ernst von Weizsäcker dieses Jahr nicht mehr wiederwählen. Gegen ihn sprach zwar wenig. Im Gegenteil, der Biologe, GEW-Mitglied und hochschulpolitischer Berater Erhard. Epplers, konnte bisweilen unter Profilneurose leidende Hochschule sogar auf ihrem Reformkurs, konsolidieren.

Die Ablehnung des linksliberalen Weizsäcker begründen dessen Gegner denn auch nicht mit seiner Arbeit. Der Vorwurf lautet vielmehr auf mangelnder „Konfliktfreudigkeit“. Beim obligaten Hearing der Präsidentschaftskandidaten ließ Daxner allerdings keine Zweifel darüber aufkommen, daß er von Konfliktvermeidung nicht viel hält. So verkündete er mit unbefangener Naivität, die Mitgliedschaft in der Deutschen Forschungsgemeinschaft sei kein „unumgänglicher Wert“ und fügte gleich noch hinzu, daß deren Vergabepraxis für Forschungsaufträge ihm ohnehin höchst fragwürdig erscheine. Die Hochschule täte Daxner zufolge besser daran, sich mit allen ihr „zu Gebote stehenden Mitteln“ gegen die Kernenergie zu wehren.

Erfahrungen in der Leitung eines wissenschaftlichen Großbetriebes hat der „freischwebende Linke“, wie er sich selber nennt, allerdings keine.

Vermeldet man noch, daß auch das Kultusministerium das Seine tat, um die üblicherweise zerstrittene Linke hinter dem Minimalkonsenskandidaten Daxner zu vereinigen, dann ließe sich der Fall unter der Rubrik „Neue Kuriosa aus der pädagogischen Provinz“ abhandeln.

Doch die Dinge sind ernster. Nächste Woche muß Kultusminister Hans Krollmann entscheiden, ob er Daxner im Amt bestätigt oder aber ein „materielles Interesse“ an diesem Akt bekundet und den formal korrekt gewählten Präsidenten ablehnt. Damit wird Kassel zum Exempel. Eine Ablehnung durch Krollmann wäre – so sehr sie im.Interesse der wissenschaftlichen und administrativen Qualität der Hochschule läge – ohne Präzedenz. Sie hätte überdies das Ende der ohnehin immer wieder in Frage gestellten Selbstverwaltung zur Folge.

Doch der Sozialdemokrat Krollmann befindet sich in der Zwickmühle. Ernennt er nämlich Daxner, dann droht ihm nicht nur der Dauerkonflikt mit der Hochschule. Der auf eigenständiges Profil bedachte Koalitionspartner FDP, der Daxner auch nicht will, müßte auf Distanz gehen. Und die hessische CDU, die seinerzeit versprochen hatte, im Falle eines Wahlsieges die Gesamthochschule zu schließen, lauert nur auf einen Anlaß, ihre Abneigung gegen das Reformprojekt mit freiwillig aus Kassel geliefertem Anschauungsmaterial zu belegen.

Ob Bestätigung und Dauerkonflikt, ob Ablehnung und Eklat, die Gesamthochschule Kassel könnte über diese Präsidentenwahl scheitern. Damit ginge es ihr wie so vielen Reformprojekten, deren linke Betreiber ohne Sinn für gesellschaftliche Realitäten meinten, alle ihre Forderungen ließen sich sofort durchsetzen. Ganz als sei die Hochschule eine pädagogische Spielwiese, hat die Kasseler Konventsmehrheit in ihrem Verlangen, den liberalen Weizsäcker loszuwerden und einen „echten“ Linken ins Amt zu heben, die wirklich restaurativen Kräfte im unmittelbaren Hintergrund glatt übersehen. Einmal die Mehrheit in der Hand, wiederholt die Hochschullinke ihre alten Fehler. Im sektiererischen Eifer entzieht sie sich selbst die eigenen Arbeitsbedingungen. Es sieht ganz so aus, als betreibe hier jemand eine Politik der self-fullfilling-prophecy: Es wird alles getan, um den Staat zur Reaktion herauszufordern. Reagiert er wie erwartet, dann läßt sich vortrefflich argumentieren: „Seht her, die Reformen waren nie wirklich gewollt!“ Michael Schwelien