ZEIT: Herr Barzini, wie erklären Sie sich die Tatsache, daß Kidnapping in Italien zur Industrie geworden ist?

Barzini: Kidnapping ist eigentlich ein Phänomen, das zuerst in ländlichen Bereichen auftrat, in Sardinien, Sizilien und Kalabrien. Vor dem Zweiten Weltkrieg war es höchstens eine dörfliche Industrie. Im Zuge der Industrialisierung Italiens ist alles straffer und effizienter geworden. Die Lösegeldsummen bewegen sich auf Millionen-Niveau, Diejenigen, die dem Gewerbe heute nachgehen, sind allerdings oft leibliche Nachfahren der früheren dörflichen Täter.

ZEIT: Ganz offensichtlich ist die Mehrheit der Italiener empört über diese Verbrechen – wie andere zivilisierte Menschen auch. Gleichzeitig aber ist in Italien ein zweites Wertsystem zu beobachten, in dem sich die Kidnapper mehr oder weniger ungestört bewegen können. Wie Fische im Wasser...

Barzini: Es gibt natürlich das klassische Bestreben der italienischen Unterschichten, den großen Sprung in den Wohlstand zu schaffen. Dieser Sprung gelingt mit Hilfe des Bandenwesens meist leichter.

ZEIT: Und mit der Lotterie und dem Toto? Barzini: Ach nein, das ist eher nebensächlich. Niemand macht sich ernstlich Hoffnung, durch das Große Los zum reichen Mann zu werden. Der vielversprechendste Weg ist es, jemanden zu entführen. Aber im Fall der Kronzucker-Kinder scheint es keinen rechten, Anhaltspunkt zu geben; der Fall ist recht mysteriös.

ZEIT: Es wurden auch in anderen Fällen Kinder entführt, deren Eltern zwar zum gutsituierten Mittelstand gehörten, aber mitnichten wirklich reich waren.

Barzini: Das ist richtig, auch das kommt vor. Meist handelt es sich bei den Entführern um sardische Hirten – schon will kein Italiener vom Festland mehr Hirte werden, man hat bereits Nachwuchsprobleme. Wer will schon stundenlang auf den Hügeln stehen und auf die Schafe starren?