Am vierten Tag der Olympischen Spiele gab es einen traurigen Rekord. Ein sowjetischer Kämpfer für Frieden und Ausgleich zwischen den Völkern, der Nobelpreisträger Andrej Sacharow, saß ein halbes Jahr in der Verbannung. Zum Schweigen hat ihn die Isolation in Gorki nicht bringen können. Jetzt, pünktlich zur Halbzeit der großen Sportparade, appelliert er in einem offenen Brief an Breschnjew, daß die afghanischen Berge nicht länger zu Kalvarienstätten werden dürfen, während über den Lenin-Hügeln scheinheilig die olympische Flamme leuchtet.

Sacharow nennt die sowjetische Verstrickung einen „schrecklichen Fehler“, der die politische Weltlage grundlegend verändert habe. Sein Brief ist trotz der drängenden Forderung nach einem Waffenstillstand in diplomatischem Ton gehalten. Was er fordert – Ersetzung der sowjetischen Truppen durch Uno-Soldaten, Neutralitätsgarantie durch den Sicherheitsrat, Wahlen unter internationaler Kontrolle – ist nicht neu und fern von der bitteren Realität. Sacharows Appell wird dennoch nicht ungehört verhallen.

Vor dem Hintergrund der olympischen Scheinwelt von heute wirkt dieser Russe fast schon wie ein antiker Held, der sich nach Art des Sisyphos wundscheuert an der Last seines Landes – ungeachtet aller Vergeblichkeit. Eine Stimme des Weltgewissens – aber nicht der sowjetischen Weltmacht, nicht ihrer Führer und nicht der überwiegenden Mehrheit ihrer Bevölkerung. Hinter den ersten tapferen Demonstranten gegen den amerikanischen Vietnam-Krieg sammelten sich schon bald viele Krüppel und viele Verwandte der sinnlosen Opfer. In der Sowjetunion werden die Familien, die jetzt Tote in Afghanistan betrauern, durch Entschädigungen und größere Wohnungen zum Schweigen verpflichtet.

Wo Schweigen ein so schwerwiegendes Gebot bleibt, bedeuten Sacharows Worte ein fast unermeßliches Gut – auch wenn sie heute keinen Millimeter Bewegung an Lenin-Hügeln und afghanischen Bergen bewirken. C. S.-H.