In einem Aufsatz Walter Benjamins aus dem Jahre 1924, der vergessene Kinderbücher würdigt, wird die „heimliche Verständigung zwischen dem anonymen Handwerker und dem kindlichen Betrachter“ erwähnt. Gemeint sind einige Illustratoren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Bilder heute noch bezaubern und deren Namen unbekannt geblieben sind.

Der Schreiber Verlag in Esslingen hat jetzt ein so anmutig illustriertes Spiel-Klapp- und Überrasehungsbilderbuch eines Anonymus aus dem Jahre 1863 im Faksimiledruck herausgebracht. Es sind fünf zart kolorierte Tafeln, denen auf der rechten Seite des Buchs fünf kunstvolle Klappbilder gegenübergestellt sind, deren Geheimnis sich hinter einem ebenso akribisch gemalten Rollbild verbirgt. Wer den haarfein gepinselten farbigen Vorhang lüftet, das anmutige Klappbild vorsichtig knickt und aufstellt, dem enthüllen sich in drei hintereinandergestellten Bildgründen die wunderlichsten Panoramen einer Menagerie; ein fesch korsettiertes Zirkusfräulein mit weißen Strümpfchen und koketten Knöpfelschuhen läßt einen Tiger durch den Reifen springen. Eine robuste Schlangenbändigerin mit dicken Waden hat sich um Taille und Arm drei zischelnde Vipern geschlungen, während hinter ihr „der wilde Mann mit Federn, Schmuck und Ringen“ einen ekstatischen Tanz zelebriert. Außerdem gibt es in dieser großen Tierschau noch ein. Aquarium, einen Elefanten und einen Raubtierkäfig zur Ansicht. Die Bilderbuch-Menagerie beschwört in naiv schönen Bildern exotische Welt, führt Krokodile, Bären, Papageien und große Affen vor.

Die liebenswürdig bescheidene Darstellung verrät handwerklich großes Können und wird besonders dem Betrachter gefallen, der sich die flotten Faxen mancher mittelmäßiger Werbezeichner leid gesehen hat, die ein ärmlich komponiertes Blatt gern schon einen „Cartoon“ nennen.

Die Einfalt der Moritatenverschen in der „Großen Menagerie“ ist allerdings nur für den Erwachsenen rührend und reizvoll, Kindern müßte man den hochmütigen Blödsinn bestimmter Verse schon deutlich machen. Zum Beispiel die Hommage für Miß Ella, der beherzten Engländerin mit dem knallbunten Federbusch auf dem Kopf, der dieser Vierzeiler gewidmet ist:

„Es ist der menschliche Verstand

den Bestien überlegen.

Sie fürchten trotz der zarten Hand