Dritte Programme (West-Nord-Hessen) Donnerstag, 7. August, 21.30 Uhr: „Die Familie aus Wielopole“ von Michael Kluth

In Florenz hatte am 23. Juni ein neues Spektakel des polnischen Theaterregisseurs Tadeusz Kantor Premiere. „Die tote Klasse“, Kantors vorletzte Produktion, liegt schon fünf Jahre zurück. Auf Einladung der Stadt Florenz und des Teatro Regionale Toscano probte Kantor mit seinem Avantgarde-Theater Kantor 2“ sechs Monate lang in einer alten Kirche „Wielopole, Wielopole“.

In Wielopole bei Krakau wurde Kantor 1915 geboren. 1943 gründete er ein Untergrundtheater in Krakau, 1956 entstand das experimentelle Theater „Cricot 2“. Die neueste Produktion, in der Kantor sich nach 37 Jahren Theaterarbeit und großen Tourneen an seinen Heimatort erinnert, ist ein Resümee seines Lebens und seiner Kunst. Der Abend besteht aus fünf Szenen: „Heirat“, „Geißelung“, „Kreuzigung“, „Adas geht zur Front“, „Das letzte Abendmahl“. In Kantors Stück, in dem Psychologie und Dialog keine Rolle spielen, werden die Themen Familie, Militär und Kirche von christlicher Mythologie überlagert.

Adas geht zur Front: Er liegt tot über einem großen Holzkreuz, das von einem Priester in den Kirchenraum geschoben wird. Adas’ früher Tod (ein üblicher Verstoß Kantors gegen die Chronologie) assoziiert die Grablegung Christi. Ähnlichkeiten mit einem Passionsspiel gibt es nicht. Kantors Menschen gleichen oft grausam toten Gegenständen. Puppen spielen in seinem Theater eine wichtige Rolle.

Michael Kluth und Dieter Mendelsohn kommentieren: „Die Puppe... ist eine Art zusätzliches Organ des Schauspielers‘, ausgestattet mit einem Bewußtsein jenseits menschlicher Existenz und gekennzeichnet vom Zeichen des Todes. Ein Phänomen, das Kantons Überzeugung entspricht, das allein ‚die Realität der niedrigsten Stufe“, die einfachsten und verach reisten Gegenstände in der Lage sind, in einem Kunstwerk ihren vollen Gegenstandscharakter zu enthüllen.“ Zu grotesken Bildern aus Kantors Theater: theatertheoretische Referate. Die Sprache wird in wissenschaftlichen Jargon verpackt, hinter Szenen versteckt. Ein Krieg der Bilder und der Worte: ein Fernseh-Feature.

Drei Wochen war das Fernsehteam bei den Proben in Florenz dabei. Mit fast exhibitionistischer Begeisterung ließ sich Kantor filmen. Er präsentierte sich als Superstar und als Despot. Neben der Theater- sieht man eine Fernsehinszenierung: Kantor featuring Kantor.

Nachdem ein Florentiner Stadtarchitekt aus Sicherheitsgründen Kantors Entwurf für eine Zuschauertribüne verändert hat, tritt Kantor als beleidigter Künstler auf: „Hat man diesen Hurensohn schon gerufen? Ich frage: Ist Herr Camarlinghi schon gerufen worden? ... Man muß ihm sagen, was er verursacht hat... ich werde das Teatro Toscano verklagen auf eine Entschädigung ... weil ich hier meine Gesundheit verloren habe...“ Vor solchen Szenen muß Kluths und Mendelsohns Theaterwissenschaft kapitulieren. Es sind die großen Augenblicke dieses Probenberichts. Helmut Schödel