Wieviel Arbeitslosigkeit kann Großbritannien aushalten, bevor das soziale Gefüge unerträglichen Spannungen ausgesetzt oder die Regierung Thatcher zum Kurswechsel gezwungen wird: zwei Millionen, zweieinhalb oder drei Millionen? Von drei Millionen oder zwölf Prozent der Beschäftigten sprach eine Gruppe Cambridger Ökonomen jetzt in einer Vorhersage für 1983.

Arbeitslosigkeit ist ein beliebtes Gesprächsthema in Pubs und Clubs, seit immer mehr Briten, ohne Job sind: 1,9 Millionen waren es im Juli, die höchste Ziffer seit 45 Jahren. Ein Thema für die Garden Party der Königin im Buckingham Palace ist dies aber eigentlich nicht.

Und so war es auch diesmal, versicherte ein erfahrener Organisator dieser Massenpartys, „wie immer“. Die Zeitungen mochten voll sein mit Erinnerungen an die große Depression der dreißiger Jahre, das Elend und die Hungermärsche, sie mochten Geschichten drucken über das Los der vielen jungen Leute, denen von den leeren Anschlagbrettern in den Arbeitsämtern ins Gesicht blickt,, was die Ökonomen Rezession nennen. Hier traf die Königin ihre Untertanen, siebentausend von ihnen,„aus allen Schichten“, wie es hieß. Und das Volk zog, glücklich über die Einladung, in tadelloser Schlangenprozession an den Gittern des Buckingham Palace entlang, über den Vorhof. durch das Schloß auf den gepflegten Rasen. Hier traf sich die bürgerliche Mitte des Landes, viele aus dem öffentlichen Dienst, mit Einsprengseln der unteren und oberen Klassen.

Fern lagen an diesem Nachmittag die Warnungen der Leitartikler, Arbeitslosigkeit werde in Großbritannien für eine wachsende Minderheit ein sinnentleertes Leben bringen, vor allem für die Leute in mittleren Jahren in den hart betroffenen Industriegebieten des Nordens, Das war auch nicht die Gelegenheit, sich über die besonders hohe Arbeitslosigkeit unter den farbigen Jugendlichen zu ergehen.

Vom Garten des Buckingham Palace aus sieht die Welt weicher und befriedeter aus. Eine zufriedene Familie wandelt hier, bildet Spalier für die Königin, der sorgfältig ausgesuchte Personen vorgestellt werden, eine Farmerfamilie aus Cornwall,. eine Sozialarbeiterin, der Vertreter des australischen Bundesstaates Neusüdwales in London mit Gemahlin.

Die Menge auf dem Rasen wogt unentschlossen hin und her. Nur ein Teil bleibt geduldig in der Gasse, welche die Königin ebenso geduldig durchschreitet, bis sie im königlichen Teepavillon verschwindet, wo diesmal die letzten Botschafter im Alphabet von Israel bis Zaire die Ehre haben.

Am Zelt, aus dem die Musiker des Leibregiments sanfte Weisen ertönen lassen, drückt sich ein Hafenarbeiter aus Felixstowe scheu herum. Er hat sich in einen viel zu warmen schwarzen Anzug gezwängt. Hundert Mark Leihgebühr für einen grauen morning suit auszugeben, komplett mit Handschuhen und grauem Zylinder, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. „Ich würde lächerlich darin aussehen.“ Er erlebt mit seiner Frau den großen Tag. Es ist die Belohnung für freiwillige Sozialarbeit für die Körperbehinderten. Er ist dankbar. Und die Arbeitslosigkeit? „Bei uns kann jeder arbeiten, der will.“ Felixstowe ist die große Ausnahme, ein privat betriebener Hafen an der Ostküste, durch den die Importgüter hereinkommen, die der heimischen Industrie so zusetzen.