Von Wolf gang Faigle

Manchmal kommt ein Mensch als Standbild auf den Sockel, bevor die Folgen seiner Leistung seinen Bewunderern voll bewußt geworden sind. So ehrt ein Denkmal in Breisach den „Bändiger des wilden Rheins“, Johann Gottfried Tulla. Nach seinen Plänen wurde der Strom zwischen 1817 und 1879 von Basel bis Mannheim in sein heutiges Bett gezwängt. 1828, lange vor Abschluß dieser „Rektifikation“, starb Tulla als vielgerühmter Mann. Aber schon zwanzig Jahre später machten sich die ersten unerwünschten Folgen der Flußkorrektion bemerkbar – und sie bereiten den Wasserbauern bis heute schwere Sorgen: Vater Rhein rächt sich.

Nun haben Tullas Erben alle Mühe, die Schäden in Grenzen zu halten. So schütten Klappschuten inzwischen Kies in das Flußbett unterhalb einer neuerbauten Staustufe, um den Erosionsverlust durch den nun schneller fließenden, Oberrhein wieder wettzumachen. Und erst nach langem Kampf konnte wenigstens ein Rest oberrheinischer Urlandschaft als Naturschutzgebiet gerettet werden – das 1600 Hektar große Feuchtgebiet Taubergießen nördlich von Breisach.

Bis ins 19. Jahrhundert bildete der „Wildstrom“ Rhein zwischen Basel und Karlsruhe ein vielfältig verzweigtes Netz von großen und kleinen Wasserläufen. Sie änderten sich ständig, trugen hier eine Insel ab und schwemmten sie dort wieder an, trockneten zu Niedrigwasserzeiten aus und setzten bei Hochwasser einen kilometerbreiten Streifen Aue unter Wasser. Nördlich von Karlsruhe strömte der Rhein zwar in einem deutlich ausgeprägten Hauptflußbett, das aber in vielen großen Schleifen verlief und immer noch von zahlreichen Nebenarmen und Überschwemmungsgebieten begleitet wurde. Im milden Klima der Oberrheinebene hatte sich eine überwältigend vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entwickelt.

Für die Bewohner der Rheinebene war dieser Zustand eine immerwährende Bedrohung. Hochwasser zerstörte oft einzelne Gebäude, manchmal auch ganze Dörfer – und bei Niedrigwasser ging von ausgetrockneten Seitenarmen eine ständige Seuchengefahr aus. Malaria war nichts Exotisches.

Im Jahre 1800 wurde Tulla beauftragt, ein Konzept zur Behebung dieser Übelstände zu entwickeln.

Nach den Vorstellungen Tullas sollte der Rhein entlang der badischen Landesgrenze in ein nur leicht geschwungenes, 200 bis 250 Meter breites Bett gezwungen werden. Um dieses Ziel zu Erreichen, verriegelten die Wasserbauer nach und nach immer mehr große und kleine Rheinarme durch Querbauwerke; im nördlichen Oberrheintal durchstachen sie zudem die meisten Schlingen.