Große Dinge werfen ihre Schatten voraus. Aber die Forderungen, Wünsche und Erwartungen, mit denen sich das Treffen zwischen Bundeskanzler Schmidt und SED-Generalsekretär Honecker Ende August in der Nähe von Rostock ankündigt, ergeben schon einen besonders bizarren Umriß. Bevor noch das genaue Datum der Reise feststeht und Themenkatalog sowie Gesprächslinie verbindlich besprochen sind, hat schon zwischen Opposition und Koalition das Ringen um die politische Vermarktung des Treffens begonnen.

Dabei scheint es in der Diskussion, die in den letzten Tagen entbrannt ist, eigentlich nur um die Gesprächsziele und die anzustrebenden Ergebnisse bei dieser zweiten Reise eines Bonner Regierungschefs in die DDR zu gehen. Aber weder ihretwegen noch gar um des edlen Zieles willen, diese Reise aus dem Wahlkampf herauszuhalten, haben sich Opposition und Koalition zu Wort gemeldet. In Wahrheit geht es natürlich um den Wahlkampf. Die Erörterung der möglichen Ergebnisse des Treffens dient genau diesem Zweck. Sie zielt freilich nicht auf diese Ergebnisse selbst, für die der Spielraum ohnedies gering ist. Sie soll vielmehr die Erwartungen und Maßstäbe an diesen deutsch-deutschen Gipfel bei den Wählern so justieren, daß seine absehbaren Ergebnisse sich gleichsam von selbst in die jeweiligen Wahlkampfkonzepte einpassen.

Die Opposition sucht dementsprechend die Meßlatte für das, was als Erfolg gelten können soll, möglichst hoch zu legen. Die Senkung des Reisealters für Noch-nicht-Rentner reicht da nicht; es muß eine „deutliche“ sein, fordert der CDU-Vorsitzende Kohl; eine „erhebliche“ Senkung hatte zuvor der deutschlandpolitische Sprecher der Unionsparteien, Abelein, verlangt. Und wenn Kanzlerkandidat Strauß als braver Landesvater eines Zonengrenz-Anrainers in einem Brief an den Bundeskanzler lediglich darauf pocht, Schmidt möge darauf hinwirken, daß die DDR die „schikanösen Grenzabfertigungen“ einstelle, muß er sich von CDU-geneigter Seite vorwerfen lassen, er mache es dem Kanzler zu billig.

Dagegen bemüht sich die Koalition, die Erwartungen zu dämpfen. In der ihm eigenen ziselierten Ausdrucksweise empfiehlt Regierungssprecher Bölling einen „eher sparsamen Umgang mit dem Wort Gipfel“ bei der Charakterisierung des Treffens. Dabei stellt es nach den Gelegenheitsbegegnungen von Helsinki und Belgrad das erste deutsch-deutsche Ereignis nach Erfurt und Kassel dar, das diesen Namen verdient.

Etwas Besonderes ist der FDP eingefallen. Sie hat eine Arbeitsgruppe zur Erörterung eines Treffens gebildet, an dessen Vorbereitung sie als Koalitionspartner, Regierungsmitglied sowie durch die Ressortzuständigkeit für Äußeres und Wirtschaft engstens beteiligt war und bei dem sie überdies durch einen Teilnehmer – wohl Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff – vertreten sein wird. In ihr sitzen übrigens auch – ja, wer wohl? – Genscher und Graf Lambsdorff. Tagen wird sie zum ersten Male in der nächsten Woche. Aber was immer sie da beschließen wird: Man geht wohl nicht fehl, wenn man ihren Hauptzweck darin sieht, durch ihre Existenz darzutun, daß auch die FDP bei diesem deutsch-deutschen Unternehmen dabei ist. Rdh.