Wer steht hinter dem neuen starken Mann General García Meza?

Von Horst Bieber

Bolivien hat der deutschen Politologie den Begriff der „Taxi-Partei“ geschenkt (eine Partei, deren sämtliche Mitglieder in ein Taxi passen) und dafür aus dem Deutschen das Wort „Putsch“ entlehnt. Beide bedingen seit der Unabhängigkeit im August 1825 einander auf unheilvolle Art und Weise: Rund 200 Putsche – die genaue Zahl ist umstritten – haben das Land im Herzen Südamerikas zum Synonym für politische Instabilität und soziale Rückständigkeit gemacht. Insofern ist der Militärputsch vom 17. Juli nichts qualitativ Neues – beängstigend sind indes die Umstände der jüngsten Erhebung: Ein offenkundig von langer Hand geplanter Staatsstreich, in dem Uniformierte und rechtsextremistische Zivilisten zusammenarbeiten, um alle Oppositionellen durch Mord oder Vertreibung auszuschalten und eine auf 20 Jahre angelegte „Entwicklungs“-Diktatur einzurichten, mit Billigung und tatkräftiger Unterstützung jener südlicher Nachbarn, die ebenfalls von Militärregimes beherrscht werden.

Bolivien würde, sollte es so kommen, damit abermals seinem Ruf gerecht, daß auf seinem Territorium die Ur-Aufführung jener Polit-Possen oder Polit-Tragödien stattfinden, die anschließend auf allen politischen Bühnen Südamerikas gespielt werden. Che Guevara wußte genau, warum er das Andenland zur Basis einer Revolutionierung des Halbkontinents wählte. Sein Tod 1967 eröffnete ein Jahrzehnt der militärischen Dominanz.

In La Paz dauerte es ziemlich genau bis 1977. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Generalspräsident Banzer, seit sechs Jahren an der Macht, so weit abgewirtschaftet, daß er für 1978 Wahlen versprechen mußte, bei denen freilich über das ohnehin schon makaber große Maß hinaus manipuliert und gefälscht wurde. Mitte 1979 fanden wiederum Wahlen statt, die keinem Präsidentschafts-Kandidaten die nötige Mehrheit brachten. Der erste Übergangspräsident stürzte nach einem Militärputsch; seine Nachfolgerin Lidia Gueiler Tejada hielt wider Erwarten bis zu den Wahlen Ende Juni 1980 durch. Doch die Übergabe der Regierung an den zivilen Kandidaten Hernan Siles Zuazo, Präsident von 1956 bis 1960 und Führer der Linkskoalition UDP, stoppte das Militär am 17. Juli.

Was die Offiziere unter der Führung des Heeresbefehlshabers General Luis García Meza, der sich zum Präsidenten ernennen ließ, tatsächlich anfangen wollen, ist zur Stunde noch ungewiß und wird durch die widersprüchlichen, oft konfusen Äußerungen der Junta (neben García Meza noch Luftwaffengeneral Waldo Bernal und Konteradmiral Ramiro Terrazas) auch nicht klarer. Selbstverständlich streben sie „Ruhe und Ordnung“ an, was im Klartext heißt: Widerstand wird mit Gewalt gebrochen, Streikende ausgehungert, Oppositionelle verfolgt. Anfang der Woche hatten sie dieses Ziel beinahe erreicht.

Über den Preis kann wegen der wirksamen Nachrichtensperre nur spekuliert werden – sicherlich mehr als tausend Tote, wenigstens 150 Ermordete, eine noch unbekannte Zahl „Verschwundener“ (was gleichbedeutend ist mit „umgebracht“); dazu Folterungen und noch andauernde Verfolgungen. Eine „schreckliche Ruhe“ hat die Junta Bolivien versprochen, und diese Zusage hält sie ein, ungestört von Protesten der Kirche, des Auslands, der Parteien.