Immer mehr Wirtschafts-Propheten blasen Trübsal. Und immer deutlicher wird die Kritik an der vermeintlichen Untätigkeit der Bonner Konjunkturpolitik und an der angeblichen Unvernunft der Bundesbank-Geldpolitik. Berechtigt ist diese Kritik indes sowenig wie der Pessimismus; auf den sie sich beruft

Was ist es eigentlich, das die Deutschen, insbesondere Wirtschaftsforscher, Konjunkturpolitiker und Arbeitsmarktexperten unter ihnen, so sehr quält – ist es der miese Sommer, oder der näherrückende Termin der Bundestagswahl? Es muß doch eine Ursache haben, daß sie ohne einen einzigen wirklich triftigen Grund wieder einmal schwarz sehen: Die Heere der Arbeitslosen, die sie vor ihren umflorten Augen dahermarschieren sehen, werden immer größer, die Wachstumsaussichten immer kleiner, die für einen Teil der Konjunkturpolitik verantwortlichen Männer der Bundesbank immer dümmer und die zuständigen Bonner Fiskalpolitiker immer fauler.

Es müsse, so meinen sie, schleunigst etwas geschehen, und zwar eine Menge. Die von der Bundesbank festgesetzten sogenannten Leitzinsen müßten runter, und die Bundesregierung müsse schnell einmal wieder ein neues Konjunkturprogramm aus den Schubladen ziehen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu beleben und neue Arbeitsplätze zu schaffen – dabei könnten selbst die besten Fachleute kam noch die Frage beantworten, um das wievielte Konjunkturprogramm seit 1974/75 es sich dann handeln würde.

Hysterie geht um. Sie scheint zum deutschen Nationalcharakter zu gehören, falls es denn so etwas wie einen Nationalcharakter überhaupt gibt. Gewiß, es existieren Probleme. Die Konjunktur hat, wie es neuerdings heißt, „eine Delle bekommen“; das Wachstum der Wirtschaft, das im ersten Vierteljahr mit einem Zuwachs des sogenannten realen Bruttosozialprodukts – schlicht übersetzt: unserer wirtschaftlichen Leistung – von fünfeinhalb Prozent extrem hoch war, dürfte übers ganze Jahr bei knapp drei Prozent liegen – diese Zahl läge über fast allen früheren Erwartungen.

Im kommenden Jahr wird es dann ein wenig bescheidener zugehen. Daß wir dann aber gar eine Rezession bekommen könnten statt eines Wachstums des Sozialprodukts, mithin also dessen Minderung gegenüber dem laufenden Jahr, glaubt eigentlich nur ein Konjunkturforschungs-Fähnlein in Kiel. Das gleiche haben sie uns schon für dieses Jahr geweissagt, und irgendwann, zum Donnerwetter nochmal, wollen die Jungs doch mal recht behalten. Sie werden es nicht – es sei denn infolge von Ereignissen, die, da nicht kalkulierbar, als prognostischer Parameter untauglich sind. Die Regel, daß, wenn der Himmel einstürzt, alle Spatzen tot sind, eignet sich nicht als Basis ökonomischer Berechnungen.

Wer jetzt nach dem Staat ruft oder die Bundesbank zur raschen Wende ihrer Geldpolitik auffordert, sollte doch erst einmal nachprüfen, ob den Problemen, mit denen wir es heute zu tun haben, damit beizukommen wäre. Die meisten dieser Probleme resultieren aus der schier unglaublichen Verteuerung des Rohöls. Diese Teuerung hat sogar uns Deutschen, die wir uns zuvor mit nachgerade unvernünftig hohen Devisen -und Goldvorräten umgeben haben, eine negative Leistungsbilanz gebracht, weil wir plötzlich mehr ans Ausland bezahlen müssen, als wir dort für unsere Güter und Dienstleistungen erlösen. Im Moment sind diese Leistungsbilanzprobleme zwar gut unter Kontrolle, doch überwinden können wir sie erst in ein paar Jahren.

Andere Länder sind aus dem gleichen Grunde – und, nimmt man die USA oder Großbritannien, noch aus einigen anderen Gründen – in viel größere Nöte gestürzt worden als wir, so daß der Welthandel, auf dessen Funktionen wir gerade jetzt besonders angewiesen sind, leiden wird. Wirklich schwarz zu sehen brauchte man aber – die Ökonomen des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs haben es sinngemäß so gesagt – nur, wenn die Ölerzeuger verrückt spielten. Das aber sollte man ihnen, bei allem Mißmut, denn doch nicht zutrauen, denn Ökonomen sind, teilweise wenigstens, auch sie.