Japan rüstet zum entscheidenden Angriff auf die Überlegenheit Amerikas

Von Helmut Becker

Japans Elektronikindustrie will in den achtziger Jahren ihre amerikanischen und europäischen Mitbewerber das Fürchten lehren. Nachdem die Japaner die Vorherrschaft bei Radios, Audio-Ausrüstungen, Farbfernsehern sowie Videokassettengeräten schon errungen haben, wollen sie nun die Märkte für Büroautomatisierung, Datenverarbeitung und vor allem für integrierte Schaltkreise, die Herzstücke moderner Elektroprodukte, erobern. Die Branche rüstet sich zu einem erbitterten Duell mit den amerikanischen Elektronikriesen, von dessen Ausgang die technologische Vorherrschaft für den Rest des Jahrhunderts weit über den Elektromarkt hinaus abhängen wird. Bei diesem Zweikampf scheint Westeuropa sich mit der Rolle des staunenden Statisten abfinden zu müssen.

Bisher ging es bei Japans Exporten vor allem um Preiskämpfe und um Marktanteile, jetzt steht die technologische Überlegenheit zur Debatte. Japans Elektrogiganten, aber auch kleinere Spezialunternehmen setzten ihre Planungsschwerpunkte auf Innovation im kleinen, in der Welt der Mikroelektronik, Subventionen und Protektion der Tokioter Regierung sorgen für zusätzlichen Antrieb.

Die mit Regierungshilfe geförderte Attacke der japanischen Elektroindustrie auf die amerikanische Bastion im Halbleitermarkt rief in den letzten Monaten den amerikanischen Kongreß auf den Plan. Dumping lautet der Vorwurf gegenüber dem Wettbewerber. Erst staatliche Forschungssubvention, so der Kongreß, machten vor allem die höher integrierten Großschaltkreise, die den Elektronikwettlauf entscheiden werden, so konkurrenzfähig.

Die Sorgen Washingtons und der amerikanischen Elektroindustrie um den Verlust ihrer Überlegenheit bei Computern sind gerechtfertigt. 1979 verlor IBM erstmals auf dem japanischen Markt für EDV-Anlagen die Spitzenposition an Fujitsu, Japans größten Computerhersteller. IBM mußte sich mit rund einem Drittel des japanischen EDV-Marktes begnügen. Weltweit liefert der amerikanische Konzern immerhin mehr als die Hälfte aller Großcomputer. Fujitsu und die vier anderen Computerhersteller des Inselreiches (Hitachi, Nippon Electric, Mitsubishi Electric und Toshiba) verkauften im Inland EDV-Anlagen im Wert von sieben Milliarden Mark, IBM gerade noch für 2,6 Milliarden Mark.

Damit aber nicht genug. Auch bei den integrierten Schaltkreisen, deren Speicherfähigkeit über Schnelligkeit und Größe von EDV-Anlagen ebenso entscheidet wie über Einsatzmöglichkeiten etwa von Kameras oder Werkzeugmaschinen, markiert das letzte Jahr die Wende zugunsten der Japaner. Bereits 1978 teilten sich die USA und Japan über zwei Drittel des Mikroelektronik-Weltmarktes, 1979 wurde die japanische Elektroindustrie wesentlich aggressiver und steigerte, ermutigt durch einen weltweiten Nachfrageüberhang nach integrierten Schaltkreisen, das Produktionsvolumen um ein Drittel auf 373 Milliarden Yen (rund drei Milliarden Mark). Der August 1979 gilt der japanischen Elektroindustrie als besonders denkwürdiger Monat; denn erstmals erreichte Japan – nicht zuletzt dank größerer Aufträge vom Erzrivalen IBM – einen Außenhandelsüberschuß im Geschäft mit elektronischen Schaltkreisen. 1979 brachte zwar insgesamt noch einen kleinen Importüberschuß bei den sogenannten Mikrochips, aber auf dem Zukunftsmarkt für höher integrierte Chips war der Durchbruch gelungen.