Dortmund

Fröhlich durch Stadt und Land“ versprechen der Firma Herkules den Jugendlichen, die sich für ihre Mofa-Produkte entscheiden. Herkules-Fahrer Stefan Wegener aus Dortmund, stolzer Besitzer eines Spitzenmodells vom Typ „M 5“, war an einem regnerischen Novembermorgen gar nicht fröhlich zumute: Eine Funkstreife stoppte den 15jährigen Auszubildenden mit einer Geschwindigkeit von 40 statt der erlaubten 25 Stundenkilometer. Stefan versicherte den Beamten, sein Mofa sei nicht frisiert; dennoch wurde das Fahrzeug beschlagnahmt. Ein Sachverständiger maß später mit einem quarzgesteuerten Präzisionsgerät 33,8 Stundenkilometer und stellte dabei fest, die hohe Geschwindigkeit müsse als herstellerbedingt angesehen werden.

Stefan hätte wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt werden müssen, doch sein Verfahren wurde eingestellt. Im Dortmunder Polizeipräsidium sitzt nämlich Schutzpolizeidirektor Werner Kullik, der sich auf die Seite der Mofa-Sünder geschlagen hat und inzwischen „Hunderte von Gutachten“ anfertigen ließ, aus denen hervorgeht, daß „bestimmte Mofa-Typen unfrisiert vom Werk aus schneller sind“. Die Beweise waren so eindeutig, daß die Dortmunder sich entschlossen, das Kraftfahrt-Bundesamt und das Verkehrsministerium zu informieren und die Firmen Herkules, Kreidler, Puch und Malaguti anzuzeigen. Kullik: „Entweder müssen die Hersteller wegen Beihilfe zum Fahrerlaubnisvergehen bestraft werden oder die Betriebserlaubnis sollte entzogen werden.“

Wenn das eintritt, was der Polizeibeamte Kullik fordert, müßten die Mofa-Bauer die Produktion ihrer Top-Modelle einstellen. Ein Verlust, der bei den seit zehn Jahren über die Maßen steigenden Verkaufszahlen ans Eingemachte geht. 1969 registrierte die Statistik in der Bundesrepublik 160 000 Mofas, 1978 waren es schon knapp 1,4 Millionen. Geschwindigkeits-Kritik an der Mofa-Lobby ist nicht neu: Schon im Juli 1976 veröffentlichte die „Stiftung Warentest“ eine Untersuchung von 15 verschiedenen Fabrikaten. Nur zwei hielten die 25-Stundenkilometer-Grenze ein, fünf fuhren zwischen 25 und 27 Kilometer, die übrigen acht lagen zwischen 28 und 32 Kilometer pro Stunde.

Natürlich gelten die schnellsten Modelle als Verkaufsschlager. Entsprechend ist auch die Werbung aufgebaut: Vokabeln wie „drehfreudiger Motor“, „spurtstark“, „rasante Leistung“, „zügiges Fahren wird garantiert“ (Herkules-Werbung), „leistungsstark“, „kraftvoll“, „Bulle aus Bayern“ (Zündapp), „sportlich dynamisch“, „mit rennerprobter Lauffläche“ (Kreidler) und Sprüche wie „Besonders der robuste Automatikmotor läßt keine Wünsche offen“ (Vespa) heizen die Wünsche der meist jugendlichen Käufer entsprechend auf.

Das Frisieren der Motoren wird zudem technisch kinderleicht gemacht; dennoch werden erwischte Frisierer von bundesdeutschen Gerichten härter bestraft als Autofahrer. Der Klever Jugendrichter Joachim Thomsen hält die harten Strafen für diese „typischen Jugendsünden“ für grundgesetzwidrig und rief das Bundesverfassungsgericht an: „Wer auf dem Mofa 13 Kilometer zu schnell fährt, bekommt sechs Punkte in Flensburg und eine Anklageschrift. Macht er das mit dem Auto, zahlt er 20 Mark.“ Der Jurist schätzt, daß jährlich 100 000 jugendliche Mofa-Fans wegen solcher Manipulationen an ihrem Fahrzeug angeklagt werden. Die Karlsruher entschieden Mitte des letzten Jahres jedoch gegen die Mofa-Piloten: Wer ein Fahrzeug mit Hilfsmotor führe, das infolge technischer Veränderungen eine höhere Geschwindigkeit als 25 Stundenkilometer erreichen könne, stelle für andere Verkehrsteilnehmer eine „nicht mehr hinnehmbare Gefahr“ dar und müsse wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt werden (Az: 2 BVL 7/78).

Doch auch ohne Frisieren wird der Halter haftbar gemacht. Grundlage für diese Juristenlogik ist ein Urteil des Oberlandesgerichtes in Hamm: „Entscheidend für die Fahrerlaubnis ist das Kriterium des Tempos. Mit vielen Mofas kann eine höhere Geschwindigkeit erreicht werden. Sobald einem Mofa-Besitzer dieser Umstand bewußt ist, muß er sich um eine Fahrerlaubnis bemühen. Daran ändert auch nichts, daß der Fahrer sich an die Tempogrenze von 25 Kilometer pro Stunde hält (Az: 3 Ss 466/77). So wurde die 17jährige Dagmar Knebel aus Voerde im Kreis Wesel verurteilt. Ohne Sachverständigen-Gutachten stoppte Polizeiobermeister Puch, der sich persönlich in den Sattel des Herkules-Typs M 4 schwang, 35 Stundenkilometer. Weil Dagmar noch mitten in der Ausbildung stand, kam sie mit 15 Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung und sieben Punkten in Flensburg davon. Sie gilt jetzt als vorbestraft.