1941 reist Drieu mit anderen kollaborationistischen Autoren zusammen nach Berlin, besucht in Weimar das sogenannte Europäische Dichtertreffen, das von der Europäischen Schriftstellervereinigung unter ihrem damaligen Vorsitzenden Hans Carossa organisiert wurde. Auch 1942 ist er in Weimar dabei, trifft unter anderem mit Hans Baumann, Hermann Burte, Joachim von der Goltz, Moritz Jahn und Hanns Johst zusammen; Ernst von Salomon hatte Drieu schon vor dem Kriege in Berlin kennengelernt, Ernst Jünger sieht er mehrmals in Paris.

Große Neugier auf die offiziellen Autoren des Dritten Reichs ist bei Drieu, der kein Deutsch konnte und dessen literarische Bildung außer an der französischen vor allem an englischer Literatur orientiert war, schwer vorstellbar. Aber er hatte Ja zu Abetz, hatte A gesagt und meinte nun, auch B sagen zu sollen. Neuerlich tritt er in die Partei Doriots ein, neuerlich schreibt er für L’Emancipation nationale, die jetzt von Lucien Combelle herausgegeben wird – alles mit einer seltsamen Mischung aus Trotz und Distanzierung, die sich gut an Hand seines Tagebuchs verfolgen läßt: gegen das, was er tatsächlich tut, salviert er sich darin durch kritisch-negative Äußerungen, die eine realistische Beurteilung der politischen Lage verraten.

Bereits im Herbst 1941 ist er seiner Herausgebertätigkeit für die Nouvelle Revue Française überdrüssig, sieht ein, daß ein französischer Faschismus nicht möglich ist; 1942 notiert er, er glaube nicht mehr an die Kollaboration, fragt sich, warum er sich noch mit Politik befasse, und möchte am liebsten Selbstmord begehen. 1943, nach der Abdankung Mussolinis, verzweifelt er vollends am Faschismus als einer politischen Möglichkeit und bekennt, daß er alle Hoffnungen auf den Kommunismus setze – und im April 1944 schreibt er, den Faschismus betrachte er nur als eine Stufe auf dem Weg zum Kommunismus. Am 12. August 1944 versucht er vergebens, sich mit einer tödlichen Dosis Luminal das Leben zu nehmen.

Drieus Selbstmord am 15. März 1945 ist vielfach als ein Akt der Selbstjustiz gedeutet worden, und er selber hat mit seinem selbstkritischen "Geheimbericht" einer solchen Deutung vorgearbeitet. Mutiger freilich wäre es gewesen, wenn er sich öffentlich zu seiner faschistisch-kollaborationistischen Vergangenheit bekannt, öffentlich das Todesurteil für sich gefordert hätte (wie er es in "Geheimbericht" tut, aber ohne sich schuldig zu bekennen). Was ihn daran hinderte, war aristokratischer Dünkel, war Ekel vor der Volksjustiz oder, wie er selber schreibt, "Angst, von der Menge geschlagen, zerrissen zu werden – Angst, ich könnte von Polizisten, von Richtern gedemütigt werden, müßte gemeinen Menschen meine Gründe, meine schönen Gründe darlegen".

Daß Drieu nicht als einziger Angehöriger seiner Generation den Verführungen des Totalitarismus erlegen ist, sei er rechts- oder linksgerichtet, damit hat seine Biographin Dominique Desanti recht. Sie bestätigt eine Feststellung François Mauriacs, der 1958 geschrieben hat, Drieu habe "im Nerven-, im Magnetzentrum der Verlockungen und Versuchungen seiner Generation gestanden". Weltkriegserlebnis und "Dekadenz"-Bewußtsein führten zu Ungeduld und Ratlosigkeit, und etliche französische Intellektuelle und Schriftsteller versuchten damals, auch räumlich aus einem, wie sie fanden, ungesunden geistigen Klima auszubrechen und eigene Wege zu gehen: Michel Leiris reiste 1926 nach Kairo, von da aus weiter nach Griechenland; André Malraux ging 1923 nach Indochina, Paul Nizan 1926 nach Aden.

Und Walter Heist weist in "Genet und andere..." (1965) darauf hin, daß dem "ästhetisierenden Auf-der-Stelle-Treten der zwanziger Jahre" eine "wieder aktivere Literatur", wenngleich ganz unterschiedlicher Couleur, gefolgt sei und daß um 1930 die Entwicklung vieler Schriftsteller eine sozusagen aktionistische Wendung genommen habe: "Aragon entschied sich... endgültig, nur noch Kommunist zu sein. André Gide interessierte sich angesichts der drohenden Katastrophe für den bolschewistischen Weg, ging nach Rußland und kam enttäuscht wieder. Céline schrie mit ,Reise ans Ende der Nacht‘ seine Wut über die permanente Katastrophe hinaus, ging ebenfalls nach Moskau und kam als Faschist wieder."

Solche Parallelen können an Drieu vieles begreiflich, nichts aber verzeihlich machen. Durch all seine politischen Artikel, Aufsätze und Bücher läßt sich genau verfolgen, wie er in enger Anlehnung an den deutschen Nationalsozialismus stufenweise eine faschistische Ideologie mit ausgeprägtem Antisemitismus entwickelt, und in einzelnen Werken ist das auch geschehen: 1971 schon hat Alfred Pfeil, ein Schüler Ernst Noltes, im UNI-Verlag (München) sein Buch "Die französische Kriegsgeneration und der Faschismus: Pierre Drieu La Rochelle als politischer Schriftsteller" veröffentlicht; seit 1977 liegt im Verlag Peter Lang Jean-Marie Pérusats Untersuchung Drieu La Rochelle ou le Goût du Malentendu" ("Drieu La Rochelle oder Die Lust am Mißverständnis") vor, deren erster Teil eine sorgfältige Analyse von Drieus politischen Publikationen bietet, und vergangenes Jahr ist Margarete Zimmermanns Arbeit "Die Literatur des französischen Faschismus. Untersuchungen zum Werk Pierre Drieu La Rochelles 1917–1942" im Münchner Verlag Wilhelm Fink erschienen.