Schon lange hatte ich von diesen Orten geträumt, Orte, an denen sich die Welt in Bücher verwandelt, Städte zu Labyrinthen aus Gedrucktem werden. Nah kam ich diesem Wunschbild im walisischen Hay-on-Wye. Ein Herr namens Booth, der sich selbst zum König Richard I. ernannt hat, beherrscht hier ein einzigartiges Bücherimperium von anderthalb Millionen Werken. Ein Fünftel von ihnen wird jährlich verkauft, an Amerikaner, Holländer, Deutsche, gelegentlich auch an Engländer.

Hay ist ein beschauliches Städtchen zu Füßen der Black Mountains, am Wye gelegen, und seine Monstrositäten sind ihm zunächst nicht anzusehen. Kommt man sonntags, so erlebt man die erste Überraschung: Fast alle Buchläden sind geöffnet – ein Vorgeschmack vom Paradies für Büchernarren (in England heißen wir neuerdings „bookaholics“).

Vor 15 Jahren hatte Booth seinen ersten Buchladen eröffnet, mit viel Erfolg. Mittlerweile haben seine Läden – einer ist in einem alten Kino untergebracht – andere Buchhandlungen (zum Teil spezialisierte) nach sich gezogen und dem Städtchen ökonomisch wieder auf die Beine geholfen. Es ist Pilgerziel für Büchertouristen und literarische Wanderer geworden (Hay liegt auf einem Wales durchziehenden Wanderweg namens Offa’s Dyke Path).

Leider mußte ich beim Durchschauen der Regale feststellen, daß seit meinem ersten Besuch 1974 die Qualität der Bücher gesunken ist; immer mehr scheinen aus aufgelösten Büchereien zu stammen. Der große Umsatz erschwert die Übersicht zudem. Aber was man im Frank Lewis House oder im alten Kino nicht bekommt, findet sich meist in den kleineren Läden, und so ist es schon eine Kunst, ohne einige Pfund jener fatalen Droge wieder abzureisen.

Noch eins hat sich seit meinem ersten Besuch verändert: Hay-on-Wye ist zur unabhängigen Stadtrepublik ausgerufen worden. Booth, Mitglied der aussterbenden insularen Spezies homo excentricus, hat sich zum König krönen lassen: eigene Nationalhymne, patriotische Bratwürste, Reisepässe. Majestät gibt mir ein Interview und sein Finanzmanager den besorgten Wink, ich solle die Sache nicht zu ernst nehmen.

Der König unterbreitet mir in aller Ruhe sein Weltkonzept: Unabhängigkeit für Hay-on-Wye unter anderem. Die Stadt solle für Bücher ein Begriff werden, wie Idar-Oberstein für Mineralien. Demnächst mache er sich an die Zerstörung der Zentralbibliotheken der Welt, ein Anfang wird die Library of Congress sein. Und just heute morgen habe er eine neue Partei gegründet, die Rural Revival Party, die die Pferdewirtschaft des Landstrichs wieder beleben soll. Vorerst aber patrouilliert die Partei als Kavallerie durch die Wälder um Hay. Im übrigen kranke England nicht, wie Enoch Powell meine, an zu vielen Farbigen, sondern an zu vielen Weißen. Es gelte also auch, Hay zu internationalisieren. Als erstes soll es einmal japanisiert werden (mit einer Kimono-Schau). König Booth mag die einfachen Leute und nicht Akademiker: Schließlich sei es die Intelligenz, die Bürokratie, die das Leben auf diesem Planeten zerstöre (über die Miene des Finanzministers ziehen dunkle Wolken).

Bevor ich weiterfahre, kann ich nicht umhin, ihm den Roman eines anderen großen Exzentrikers, John Cowper Powys, zu empfehlen: In dessen „Glastonbury Romance“ erklärt sich eine Stadt ebenfalls von „England unabhängig, unter Führung von Magiern, Literaten und Visionären; das Ende allerdings verrate ich ihm nicht. – Die Kommune verschwindet in einer Flut.

Elmar Schenkel