Was Gips ist, lernt man in der Schule im Chemieunterricht: ein Gemisch aus Kalk und Schwefel – Kalziumsulfat. Dieser Erkenntnis bedienten sich die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke AG (RWE) und entwickelten daraus ein neues Verfahren für die Entschwefelung von Braunkohlekraftwerken.

Eigentlich hat die Natur dieses Verfahren erfanden, denn die Bindung von Schwefel durch Kalk findet in den RWE-Kraftwerken seit Jahrzehnten statt. Neben dem lästigen Schwefel, der die Umweltschützer schon lange ärgert, enthält die Braunkohle auch Kalk, die sogenannte Urasche. Und die sorgt bei der Verbrennung dafür, daß aus dem Schornstein weit weniger Schwefel herauskommt, als eigentlich in der Kohle enthalten ist.

Aber die natürlichen Kalkgehalte der Braunkohle reichen in aller Regel nicht aus, Schwefel entsprechend den zu erwartenden Umweltschutzauflagen zu binden. Trotz der Schwefelvernichtung kommt immer noch zuviel aus dem Schornstein raus. Was lag da näher, als der Kohle ein wenig nachzuhelfen und ihren Kalkgehalt zu erhöhen

Das haben die RWE seit zwei Jahren in einer Versuchsreihe im Kraftwerk Fortuna getan, die jetzt mit Erfolg abgeschlossen worden ist. Der Braunkohle wird vor dem Mahlen soviel Kalk zugegeben, daß der Schwefelgehalt auf das zulässige Maß gesenkt wird. Da der natürliche Kalkgehalt der Kohle schwankt, muß auch die Kalkbeigabe dauernd geändert werden. Die dazu erforderlichen Daten sammelt eine Meßsonde, die ständig den Schwefelgehalt des Rauchgases mißt.

Die RWE sind sich ihrer Sache so sicher, daß nun ein 300-MW-Block im Kraftwerk Neurath mit dem neuartigen TAV (Trocken-Additiv-Verfahren) ausgerüstet wird. Die betriebswirtschaftliche Seite des neuen Verfahrens hat Projektleiter Klaus Hein untersucht: Die Investitionskosten betragen bei TAV nur ein Zwanzigstel, die Betriebskosten sind dagegen doppelt so hoch wie bei der sonst üblichen Rauchgasentschwefelung.

Rechnet man das an Hand der vorgegebenen Zahlen auf alle Braunkohlekraftwerke des RWE hoch, dann addiert sich die jährliche Ersparnis auf 500 Millionen Mark. Denn die Investitionskosten für TAV im Kraftwerk Neurath wurden mit fünf bis acht Millionen Mark angegeben. Nimmt man bei den Investitionsangaben für das neue Entschwefelungsverfahren den Mittelwert von 6,5 Millionen Mark, dann würde eine vergleichbare Rauchgasentschwefelung der bisher üblichen Art 130 Millionen Mark kosten – zwanzigmal soviel nämlich – dabei allerdings nur jährliche Betriebskosten von vier Millionen Mark verursachen. Bei einem Kapitaldienst von 15 Prozent errechnen sich daraus für das TAV Jahresbetriebskosten von knapp neun Millionen Mark, für die bisher übliche Rauchgasentschwefelung sind es hingegen 23,5 Millionen Mark.

TAV hat also beim Kraftwerk Neurath einen Kostenvorsprung von 14,5 Millionen Mark. Und da die RWE Kraftwerke mit einer Leistung von 10 300 Megawatt mit Braunkohle betreiben, muß man diese für 300 Megawatt geltende Ersparnis von 23,5 Millionen Mark hochrechnen. Das ergibt dann 493 Millionen Mark Einsparungen – Jahr für Jahr.

Ein weiterer Vorteil ist, daß der Schwefelgehalt der Abgase sogar auf Null gesenkt werden kann. Die RWE müßten dann lediglich noch mehr Kalk zugeben. Aber das ist nicht beabsichtigt. Was der Gesetzgeber zuläßt, wird auch weiterhin in die Luft geblasen. Auch ein unverhoffter Kostenvorteil bei den Umweltschutzmaßnahmen kann ein Unternehmen offenbar nicht dazu veranlassen, freiwillig mehr zu tun, als von ihm gefordert

Heinz-Günter Kemmer