Von Brita Leckscheidt

Ferienzeit, Spitzenbelastung auf den Autobahnen. Auf einer Talbrücke kommt die Kolonne zum Stillstand. Zwischen Bussen und Lastwagen tut sich ein Blick in den Abgrund auf. Unbehagliche Erinnerungen an Meldungen über Risse in Spannbetonbrücken kommen in den Sinn. Kann auch dieses Bauwerk einstürzen wie die Berliner Kongreßhalle, bei der am 21. Mai das überstehende Dach herunterbrach?

Gewiß, Schalen konstruktionen wie die „schwangere Auster“ lassen sich nicht unbedingt mit Spannbetonbrücken vergleichen: Die Kongreßhalle bestand aus einer nur wenige Zentimeter dicken Schale und einem Ringbalken; Spannbetonbrücken sind dagegen massive Konstruktionen, deren tragende Balken mehrere Meter hoch sein können.

Auch stürzte in der Bundesrepublik bisher noch keine fertige Spannbetonbrücke ein. Andere Brückensysteme brachen vereinzelt durch „Katastrophenlasten“ zusammen – etwa durch den Aufprall eines Lastwagens auf den stählernen Mittelpfeiler einer Brücke: Ereignisse, die nicht in der Konstruktionsberechnung erfaßt worden waren. Gegenüber den vorhersehbaren und bekannten Einwirkungen, beteuern die Fachleute, seien unsere Brücken und besonders die Spannbetonbrücken sicher.

Trotzdem sicher. ein Rest von Unbehagen. Wenn schon die Brücken so sicher sein sollen: Warum gab es dann in den letzten Jahren so viel Aufsehen um mangelhafte Dauerhaftigkeit und bedrohliche Risse? Weshalb kam es zu Brücken Sperrungen und umfangreichen Sanierungen? Und warum verschärfen die zuständigen Behörden gerade jetzt ihre Vorschriften, warum schickt das Bundesverkehrsministerium in diesen Tagen ein spezielles „Diskussionspapier“ an alle am Brückenbau beteiligten Stellen?

Die Dauerhaftigkeit der Spannbetonbrücken geriet vor allem aus zwei Gründen ins Gerede. Einmal ist diese Bauweise im Vergleich etwa zum Stahlbrückenbau relativ jung, zum anderen dominiert sie seit geraumer Zeit die Branche: Schon 1975 wurden 80 Prozent der Brücken in der Bundesrepublik aus Spannbeton hergestellt.

Spannbeton ist der jüngere Bruder des Stahlbetons. Bei dieser Bauart werden in den druckfesten, aber zugschwachen und spröden Beton dort Bewehrungsstähle eingelegt, wo im fertigen Bauwerk Zugkräfte wirken. Der Beton schützt die Stähle gegen Korrosion – zumindest solange sie ausreichend dick ummantelt sind und keine aggressiven Medien wie etwa Tausalze eindringen. Schon bei der Berechnung einer Stahlbetonkonstruktion unterstellen die Ingenieure, daß der Beton reißt. Allerdings sollten später auftretende Risse sehr fein und dazu gleichmäßig verteilt sein.