Jeder Sieg hat seine Geschichte, und die Geschichte des Sieges ist die Story der Sieger, auch wenn es nur die halbe Geschichte ist. Diese halben Geschichten werden gern gehört, weil sie klar und einfach sind und auswechselbar. Aber die Athleten erzählen sie nicht immer. Wie er denn zu seinem Sieg über 200 Meter gekommen sei, wird der Italiener Pietro Mennea gefragt, der über 100 Meter so schwach gewesen war. Mennea antwortet, er sei eben nicht in Bestform gewesen hier in Moskau. „Aber über 200 Meter gewinne ich eben irgendwie immer.“ Alan Wells aus Edinburgh, der – ohne die Amerikaner – schnellste Mann der Welt bei diesen Spielen, grinst auf die Frage, wie er zu diesem Sieg gekommen sei, mit jener unverfrorenen Noblesse, aus der das britische Understatement hervorgegangen sein muß: „Wenn du schnell bist, ist es ganz einfach.“

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Man kann von dieser Olympiade nicht erzählen und dabei die Pfiffe verschweigen, mit denen das sowjetische Publikum die Rivalen sowjetischer Athleten zielbewußt in ihrer Konzentration auf den Wettkampf störte. Und auch nicht die Pfiffe gegen ihre eigenen Basketballer und Fußballer, die statt Gold nur Bronze gewannen. Wenn aber die olympische Begeisterung abhängig ist von Sieg und Niederlage, gibt es dann überhaupt olympische Begeisterung?

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2468 Dopingproben würden in Moskau genommen. Nicht eine fiel positiv aus. Hat der Spitzensport die Dopingseuche überlebt? Willi Daume glaubt, die pharmakologische Leistungsbeeinflussung sei das größte Problem des Sports. Ludwig Prokop, der Präsident des Welt-Sportärzteverbandes, erklärte in die Freude über die 53 Weltrekorde, die Sportler würden manipuliert und gezwungen, über ihre biologischen Grenzen hinauszugehen.

In der Tat gab es in Moskau Weltrekorde zum Erschrecken. Zum Beispiel die für Experten unfaßbaren 5083 Punkte der Fünfkämpferin Nadeschda Tkatschenko, der es gelang, drei scheinbar unvereinbare athletische Qualitäten nebeneinander zu höchstem Niveau zu bringen: Kraft und Schnelligkeit und Ausdauer. Die Leistungen der Mittelstreckenläuferinnen des Ostblocks erfüllen ihre westlichen Konkurrentinnen, die mit der Italienerin Dorio nur noch eine Vertreterin in die Endläufe über 800 und 1500 Meter brachten, gleich doppelt mit Schrecken: Über die reine Leistung und den mutmaßlichen Weg dorthin.

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Das Wort des polnischen Olympiasiegers im, Stabhochsprung, Wladislaw Kozakiewicz, verdient als Antithese zum Diktat des citius – altius – fortius festgehalten zu werden: „Man“ soll nicht siegen wollen um jeden Preis.“