Hervorragend

Isaac Bashevis Singer: „Zlateh die Geiß“. Zu Singers schönsten Erzählungen gehört die Geschichte von Aaron, dem kleinen Dorfjungen, der mit einer Ziege, die er zum Metzger führen soll, drei eiskalte Winternächte im Schneesturm überlebt. Den Verlauf dieser wundersamen Rettung, klar, streng und pur erzählt, hat Charlotte Niemann in eine literarisch vorbildliche Hörfassung gebracht. Glänzend sind Wolfgang Büttner als Erzähler und die Kinder Marcus, und Katharina von Bock als Aaron und Mirjam. Sparsam und sicher setzt Charlotte Niemann musikalische Akzente: Cembalo, Tamburin, Akkordeon und Xylophon. Unter den fünfzig Titeln der Reihe Deutsche Grammophon Junior zählen „Zlateh die Geiß“ und „Der Wind in den Weiden“ mit großem Abstand zum Besten, was im Bereich dramatisierter Kinderliteratur heute zu hören ist. (Deutsche Grammophon Junior, 2546037)

Ute Blaich

Hörenswert

Susan Alvilés: „Mir schneidet keiner mehr die Flügel ab“. Das Titellied, offenbar ein autobiographisches Bekenntnis, ist das aufrichtigste, das letzte („Eli Lama Asabtani“), das unangenehmste Lied; eins ist schrecklich bösartig („Leb’ wohl, Mama“), eins vordergründig („Mein Mann ist eine Frau“), einem der schönsten fehlt die richtige Musik („Das dunkle, Zimmer“). Im übrigen findet man Chansons vieler Art, bissige und zärtliche, melancholische und trotzige. Meistens ist die Sängerin auch ihre Textautorin, drei schrieb Hans Magnus Enzensberger. Susan Alvilés jedenfalls ist eine offensichtlich sehr musikalische junge Frau; sie hat eine kräftigen, dunkel gefärbten Chanson-Alt mit schönem Volumen, der ihr noch viele Darstellungsmöglichkeiten eröffnen wird. Die Musik (meist von David Ambach) ist oft einfallsreich erfunden und auffallend ehrgeizig instrumentiert, bisweilen gleitet sie aber auch am Text vorbei. Die Schallplatte ist kein Debüt – und ist dennoch eins, seit die Sängerin ihre künstlerische Kraft vom Tingeltangel weg auf das Chanson konzentrieren will. Es wurde eine sympathische Talentprobe daraus, die mitsamt ihren Schwächen in die schwierige richtige Richtung zeigt. (Ariola 201 445-365; MC 401 445-371)

Manfred Sack

Johann Michael Haydn: „Sinfonien“. Er stand immer im Schatten der Großen: früh schon in Wien als Sängerknabe, wo sein älterer Bruder Joseph und der strenge, Polyphoniker Fux, später in Salzburg, wo Vater und Sohn Mozart Stars waren und das musikalische Geschehen bestimmten. Er selber rettete sich in die praktische Kirchenmusik, und von daher, mit seinen Messen und Motetten, ist er uns vor allem bekannt. Was der Hof- und Domorganist in den Jahren zwischen 1778 und 1788 an Sinfonien komponierte, zeigt natürlich den in Wien wie Salzburg üblichen Stil, daneben aber manche riskante harmonische wie metrische Eigenart, mit denen Michael Haydn auf sich aufmerksam machen konnte. Um vier dieser Sinfonien macht sich ein Orchester der Philharmonie Oradea (Rumänien) verdient – ein recht ordentliches Ensemble, das sich freihält von Versuchen bombastisch-großflächiger Theatralik (Oradea ist das alte Großwardein, wo Michael Haydn in der Fürstlichen Hofmusik seine eigentliche Laufbahn begann). (Leitung Erwin Acèl; Schwann VMS 2086). Heinz Josef Herbort