Sie holte eine Flasche Wein, den von Thomas Bernhard. Nach drei Jahren war er wiedergekommen. Sie nennt ihn den Dichter aus Österreich. Wir tranken sie halb leer. Dann zog sie mich zu der Holzhütte im Garten und sagte: "Das ist mein Refugium." Auf dem Tisch stand eine Schreibmaschine mit eingespanntem Bogen, und an den Wänden hingen Plakate. Ich sagte: "Überall auf den 6000 Quadratmetern ist alles mögliche an seinem Platz, und jeden Morgen ab halb acht wird es benutzt."

Sie drehte sich mit dem Rücken zum Fenster: "Und in meinem Gedächtnis ist auch alles an seinem Platz, und Gustaf hatte noch gesagt: ‚Wenn alles kaputt geht, dann kommt Ralph und holt uns raus.‘ Ralph Izzard war Journalist und schrieb für die Daily Mail. 1933 hatte ich ihn kennengelernt. Ralph kam ja auch, doch nicht rechtzeitig genug für Gustaf. Der war schon wieder von der Flak in Holland zurück und probte ‚Die Räuber‘. Zwei Russen holten ihn dann ab."

Wir gingen hinter die Hütte. Marianne Hoppe lehnte sich an die kahle Wand: General Bersarin, der russische Stadtkommandant, lud alle Schauspieler sofort nach Karlshorst in ein ausgeräumtes Kino ein. Paul Wegener war da und Michael Bohnen und wer sich versteckt gehalten hatte. Bersarin war weißhaarig und sehr vornehm. Wir setzten alle auf ihn. Und plötzlich hörte ich morgens im Radio, er sei bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Ein Autounfall? Ich rechnete wieder mit Ralph. Wir mußten aus Berlin heraus. Und das Produkt unserer Freundschaft wurde ein Sohn. Es war ein Siebenmonatskind. Ob Gustaf um diese Zeit gerade die Scheidung wollte? Es gab ja auch keine Milch... Die Scheidung erfolgte zu gleichen Teilen, weil mein Anwalt in mich verliebt war. Ein Silberkasten wurde geteilt."

Marianne Hoppe stellte sich in die Sonne: "Ich fing in Mönchsroth bei Dinkelsbühl ein neues Leben an. Trotz aller Bedrohungen fühlte ich mich von Gustaf immer noch irgendwie, beschützt. Es war aber kein schlechtes Gefühl, selber zuzusehen, wo man bleibt. Ich wollte nicht wieder, heiraten. Ich konnte nichts mehr abgeben. Ich hatte von Männern immer so viel aufgenommen. Jeder hatte sein eigenes Format... Die Berechnung meines Lebens, das sind immer die Beziehungen zu einem Menschen."

Nicht alle Sätze hatte sie vorbereitet; ihre Mienen spielten oft an den falschen Stellen. Aber dann paßte alles wieder zusammen: "Gustaf wollte mich wieder heiraten, aber ich hab’ dann komischerweise nein gesagt. Ich war inzwischen auf einem anderen Gleis... Mein Sohn Benedikt ist Redakteur an einer Fachzeitschrift, er ist dunkel, groß, schmal und rücksichtsvoll. Und Oberscharam? Das ist ein Matriarchat. Wenn ich an die ‚Spiegel-Sophie‘ denke und an die anderen alleinstehenden Frauen. Tannhäuser soll hier geboren sein. Und Frauen mag ich auch. Im höchsten Alter möchte ich noch reizvoll sein, und weiß auch schon wie. Doch erstmal will ich sehen, ob mein Handwerkszeug noch funktioniert."

Und da stand sie wieder und richtete den Blick auf sich: "Ich spiele wieder Theater. Hansgünther Heyme will mich nach Stuttgart haben für die ,Phönizierinnen‘ von Euripides. Und dann bin ich bei der Preußen-Ausstellung 1981 in Berlin dabei mit Arbeiterliedern und Gassenhauern von 1830 bis 1848. Das wird eine Eigenproduktion aus Briefen von Börne und Briefen von Frauen, deren Männer emigrieren mußten."

Und sie ging in die Küche und sang da: "Tut dich einer fragen, lebt der Hecker noch, er hängt an keinem Bäume, er hängt an keinem Strick, doch er hängt an den Träumen von der Deutschen Republik."