West-Berlin

Eigentlich hatte sich Bernd-Jürgen Hamann an die Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche in Berlin-Mariendorf beworben, weil er sich auch mal mit Hölderlin-Elegien befassen wollte. So berichtet er jedenfalls in seinem Buch „Im frischen Fahrtwind will ich Dich loben“ (Claudius Verlag). Doch dann wurde er „im Gehorsam gegen Jesus Christus“ zum Rockerpfarrer. Fortan drehte sich sein Glaubensleben hochtourig.

Hamann sattelte seine BMW 750 R5 und brauste mit den Rockern zu neuen Glaubensufern (Verlagsankündigung: „Der Glaube ist ,in Fahrt‘ gekommen“). Hatte sich Jesus noch einen Esel als Fortbewegungsmittel erkoren, so betätigt sich ein zünftiger Rockerpfarrer als Easy-Rider. Die theologische Begründung fällt nicht schwer: Der Apostel Paulus wollte den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche werden, Hamann wurde den Rockern ein Rocker.

Der Pfarrer auf dem Feuerstuhl beginnt sein Missionswerk mit einem Kabinettstückchen: „Noch bevor ich nach Hause fahre, zeige ich einigen, wie man mit Knieschluß freihändig fahren kann.“ Das Lenken hat er dem Allerhöchsten anvertraut: „Herr, lenke uns, daß wir leben“, lautet das Credo des motorradbegeisterten Pfarrers.

Hamann wird bei der „Affenkopfbande“ zum „Ehrenrocker“ gekürt. Er schmeißt eine Lage Bier und läßt eine Minipredigt folgen: „Ausfallren ist besser als Einfahren“ – gemeint ist das Einrücken in den Jugendknast. Doch dem Ehrenrocker bleiben Konflikte nicht erspart: Da will die Bande ein Lokal kleinschlagen. „Ich rate dazu, Personenschäden zu vermeiden. Der Laden soll 14 Tage zumachen, es kommt also auf Sachschaden an. ‚Laßt es beim Sachschaden und schlagt keinen zum Krüppel‘, so lautet die merkwürdigste Predigt, die ich je gehalten habe“, bekennt der Rockerpfarrer.

Während sich die Kumpels anschicken, eine Kneipe zu demolieren, sitzt der Gottesmann in einer benachbarten Pinte. „Ich unterhalte mich die ganze Zeit mit einem diensttuenden Polizisten, um auf alle Fälle ein Alibi zu haben. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Die Gruppe ist in dieser gefährlichen Situation allein.“ – „Alles hat geklappt“: Die „Affenköpfe“ zerschlagen das Inventar, kippen den „vor Angst erstarrten Gästen“ die Tische um und sichern den Rückzug mit Schüssen aus Gaspistolen. Der Pfarrer, der dies offenbar als Erfolgserlebnis abbucht, ist den Rockern ein Rocker geworden, und die Angst der Gäste gehört wohl zum Missionsrisiko. Hamann meint im übrigen, er habe die Polizei nicht informieren müssen. Sein Wissen um die geplante Gewalttätigkeit sei durch das Beichtgeheimnis geschützt.

Der Rockerpfarrer versteht es, kirchliche Amtshandlungen fernsehgerecht einzustudieren: Da werden Rockertaufen, -konfirmationen und -hochzeiten für die Kamera inszeniert. Die „Affenköpfe“ üben fleißig „Ein feste Burg ist unser Gott“ und versprechen, erst zu saufen, wenn das Fernsehen abgezogen ist. Ohne das Kamerateam wird beim Hochzeitsmahl auch mal auf den Tisch uriniert oder neben die Tanzfläche gekackt.

Einen weiteren Publicityaufwind bringen Gedenkfahrten für tödlich verunglückte Motorradfans. Da knattern 3500 heiße Öfen mit Trauerflor durch Berlin, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche tritt der Pastor anschließend in der Lederjacke auf. Und wenn dann noch die Böcke gesegnet werden, können sich die Medien wahrlich nicht beschweren, in der Kirche bekämen sie nichts geboten.

Hamann kreierte Drive-in-Gottesdienste mit Psalmversen wie: „Herr, wenn ich meine Geschwindigkeit beschleunige, so fühle ich den Hauch deiner Ewigkeit.“ Das leuchtet ein, denn der Tod fährt mit, vor allem wenn man ohne Helm fährt.

Das Gebiet motorradbegeisterter Pastoren ist ausbaufähig. „Mit dem Motorrad zu Jesus“, lautet die Losung von Motorradpfarrer Manfred Dörr in Köln. Und in Nürnberg vor der Frauenkirche erlebten die Gläubigen eines Drive-in-Gottesdienstes dieses Spektakel: „Wir wollen unser Gotteslob dadurch ausdrücken, daß wir alle zugleich unsere Motorräder anwerfen.“ Die altmodischen Engel, die nur Harfenklänge gewohnt sein sollen, werden sich ob des Höllenlärms die Ohren zugehalten haben.

Inzwischen hat sich eine „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Motorradfahrer“ gebildet. Ihr Slogan: „Mit Jesus gegen den nächsten Baum?“ Bibelfreizeiten für Motorradfahrer sollen ausgedehnt werden. Vielleicht texten die Pastoren dann den 23. Psalm für Rocker um: „Der Herr ist mein Tankwart, mir wird nichts mangeln.“

Auch das „Vater unser“ ließe sich leicht korrigieren: „Unseren täglichen Sprit gib uns heute. Vergib uns unsere Unfälle, wie auch wir vergeben unseren Unfallopfern. Und führe uns nicht aus der Kurve, sondern erlöse uns von allen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Denn Dein ist die Straße, alle Zapfsäulen und die Rastplätze in der Ewigkeit. Amen.“ Ernst Klee