Auf der Bühne, gleichfalls lebensverekelt, entfacht Botho Strauß Neo-Boulevard für modebewußt Feinsinnige. Und Thomas Bernhard liefert in Dauerreprisen seine zerknirscht wütige Nabelschau à la Strindberg – nur ohne dessen wüste Explosivität. Kurzum, es waltet und wird gepflegt eine historische Hecklastigkeit. Ein weitgehender, weitverbreiteter Verzicht auf Avantgarde. Kein Avant, kein Vorwärts, weder gesellschaftlich noch ästhetisch. Statt dessen geht’s rückwärts und inwärts. Und just dieses Kulturmilieu verkündet, von Brecht genug zu haben, über ihn hinaus zu sein!

Volker Klotz: Schmährede auf das „derzeitige Theater“ und die derzeitige deutsche Theaterkritik inklusive „Frankfurter Rundschau“, erschienen ebenfalls in der „Frankfurter Rundschau“ vom 16. August 1980.

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Nichts spricht dafür, daß die fürstlichen Theaterchefs des 19. Jahrhunderts jemals eine derart niederträchtige Asozialität gegenüber lebenden Künstlern praktiziert hätten wie die sogenannten linken Jungregisseure – als links muß fast jeder firmieren, um zugelassen zu werden – gegenüber mitlebenden Bühnenautoren. Sollte es dazu kommen, daß im 21. Jahrhundert eine Kulturgeschichte des deutschen Theaters geschrieben wird, so wird die Regisseur-Generation, die von Peter Palitzsch bis Luc Bondy jahrgangsmäßig repräsentiert wird, in einer Fußnote als jene vermerkt werden, die das zeitgenössische deutsche Theater durch Aushungerung seiner Autoren liquidiert hat...

Rolf Hochhuth: Schmährede auf alle, die lieber Shakespeare und Tschechow als Hochhuth inszenieren; erschienen in der September-Ausgabe des Herrenmagazins „Penthouse“, als deren „literarischer Berater“ Rolf Hochhuth nun seinen Kampf gegen das Böse in der Welt unerschrocken fortsetzt.

Zensur-Ruf aus Bayern

In einem Wahljahr, in dem der Oberbayer Franz Josef Strauß Kanzler werden soll, sind in den Amtsstuben der ihrem Ministerpräsidenten untergebenen Ministerialen und Partei-Funktionäre fiebrige literarisch-kritische Aktivitäten zu beobachten. Wenn der Generalsekretär Stoiber in die Schreibstuben blickt und dort vornehmlich „Ratten und Schmeißfliegen“ am Werke sieht; wenn das Ministerium des Schöngeistes Hans Maier den Künstlern, die sich zu F.J.S. bekennen wollen, wenigstens mit Briefumschlägen und Postwertzeichen eine für Steuerzahler eher befremdliche Art von Amtshilfe leistet – dann möchte dem Kandidaten Ministerpräsidenten auch das Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung zu Hilfe eilen. Nun tut man sich dort mit dem Lesen offensichtlich schwer. Denn länger als zwei Jahre dauerte es, bis die für Arbeit und Soziales zuständigen Lesekünstler das Buch von Peter Schult „Besuche in Sackgassen – Aufzeichnungen eines homosexuellen Anarchisten“ ausgelesen hatten. Dann packte sie, rechtzeitig zur Eröffnung der als „heiß“ bezeichneten Phase des Wahlkampfs, das große Grausen, und sie stellten den Antrag, Schuhs Lebensbericht in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufzunehmen. Am 21. August wird die Bundesprüfstelle in Bonn beraten müssen, ob sie ein seit zwei Jahren unbeanstandet verkauftes Buch jetzt ächten soll, weil die literaturkundigen Bayern aus dem Sozialministerium „die hemmungslose individuelle Freiheit“, die Schult, wie sie meinen, „als absoluten Wert setzt“, fürchten.