Hans Günther Pflaum/Hans Helmut Prinzler: „Film in der Bundesrepublik Deutschland – Der neue deutsche Film: Herkunft/Gegenwärtige Situation. Ein Handbuch.“ Nicht alle Nachschlagewerke zum Kino, die man bei uns kaufen kann, sind nützlich (das sechsbändige ro-ro-ro-Filmlexikon ist für den ernsthaften Leser sogar praktisch unbenutzbar), doch das Handbuch von Pflaum (der eine nicht sonderlich originelle, aber immerhin für den Laien instruktive Entwicklungsgeschichte des Neuen deutschen Films seit dem Oberhausener Manifest 1962 beisteuert) und Prinzler gehört zu den wichtigsten deutschen Filmbüchern der letzten Jahre. Es enthält, neben einem Sachlexikon zur Filmpolitik, komplette Filmographien von 100 deutschen Regisseuren: von A. wie Achternbusch bis Z wie Ziewer. Auch die wichtigsten Vertreter der älteren Generation (Käutner, Hoffmann, Staudte) hat der Berliner Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler bei seiner bewundernswert genauen Arbeit berücksichtigt. (Hanser Verlag, München, 1979; 332 S., 26 DM.)

Hans C. Blumenberg

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„Dronte“, von Wolf Christian Schröder. „Als Dronte am nächsten Morgen erwachte, war er fett und nur mit einer Pyjamajacke bekleidet.“ Anders als der unglückliche Gregor Samsa, der sich eines Morgens „in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt (fand)“‚ hält sich Drontes Veränderung in Grenzen: Er mutiert nur in einen schwabbeligen Dreizentnermann, der unverdrossen den Tag beginnt. Dronte agiert in einer „Geschichte aus der Freizeit“ – diesen Untertitel gab der 33jährige Autor seiner ersten Buchveröffentlichung. Und so kann er sich ohne Skrupel und ohne Zeitbegrenzung auf eine ziellos schweifende Expedition durch die Stadt, in der er lebt, begeben. Dronte, „der sich auf dreißig schätzte“, läßt bei seinem Gang durch die Straßen Menschen und Ereignisse auf sich zukommen: Er trifft Charlie, den Ledermann, den er irgendwann wieder verliert; er stößt auf den seiner Anstalt entlaufenen Irren Meier, der nach kurzer Bekanntschaft von Polizisten und spritzenbewehrten Psychiatern wieder eingefangen wird; er treibt es kurz mit einer „Hähnchengrill“-Serviererin in einem Abstellraum. Aber Dronte läßt sich eigentlich nur ungern in diese kleinen Geschichten verwickeln, Sein Interesse gilt weniger den Menschen als den Dingen um ihn herum. Gleichsam schnuppernd und ängstlich witternd wälzt er sich, langsam durch die Betonlandschaft und delektiert sich am Privatleben in den Wohnungen. Sein Tag endet mit einem gewaltigen Besäufnis. Mit Dronte tritt dem Leser der „Flaneur“ in seiner zeitgenössischen Ausprägung entgegen. Welch ein Unterschied zum von Walter Benjamin beschriebenen Flaneur des 19. Jahrhunderts. Damals ein „Exzentriker“, der ein stolzes Bewußtsein seiner Sonderstellung hatte und sich um die Stilisierung seiner Existenz bemühte. Dronte ist durchtränkt von Mißmut und Dumpfheit. „Dronte hatte Spaß an der Austauschbarkeit der Menschen heißt es einmal, und man hat den Eindruck, daß er diesen Satz nicht ungern auf sich selbst anwenden würde. Er möchte nicht länger ein „Einziger“ sein. Er strebt danach, sich selber zu vergessen und zu verlieren. Schröder schildert die (Selbst-)Vernichtung des Individuums und seiner Geschichte(n). ohne erhobenen Zeigefinger, Seine (auf schreckliche Weise) unterhaltsame, geschickt die Spannung haltende Geschichte wirkt zunächst fast spaßig, ehe sie in Trauer umschlägt. Seinen erbarmungslosen Befund über unser gegenwärtiges Leben hat Schröder, ohne in Larmoyanz zu verfallen, erzählerisch (auf-)gelöst in der exemplarischen Geschichte von Dronte, der von der Freizeit träumt – und nichts mit ihr anfangen kann. (Collection S. Fischer, 10; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1980; 150 S., 9,80 DM.) Claus-Ulrich Bielefeld