Am 16. August starb in Berlin Lucie Leydicke. Sie war nicht fair (in keiner Bedeutung des Wortes), und sie war keine Lady, aber sie hatte die streitbare Redseligkeit einer Eliza Doolittle, an der George Bernard Shaw und Professor Higgins und Frederik Loewe gottlob vorübergegangen sind.

Sie hatte auch nicht nötig, für die Bühne entdeckt zu werden, denn sie besaß alles – Podium, Publikum, Auftritte – im eigenen Etablissement, und wehe dem, der das geringachtete. „Ich bin kein Laden, ich bin eine Fabrik“, hieß einer ihrer ehernen Sätze, und nie meinte sie es so komisch wie es klang.

Genaugenommen war Lucie die Seniorchefin (neben dem Chef) einer alten Berliner Destillationsanstalt namens Leydicke, wo man noch heute so exotische Getränke wie „Leydiano Extra“ oder einen „Kurfürstlichen“ bestellen kann. Kaum weniger genaugenommen war sie die Beherrscherin einer linken Lässigkeitskneipe, wo man sich am Tresen seine Flasche Wein abholte, die man im Sommer auch draußen auf dem Bürger- oder Genossensteig trinken konnte.

Aber in Wahrheit betrieb Lucie Leydicke ein ganz anderes Geschäft, nämlich ihr eigenes Mundwerk. Da stand sie, kopfknapp und kraushaarig über die Theke ragend, ganz bereit und konfliktinnig, und mit Augen voll von enthusiastischem Grimm suchte sie ihre Opfer. Und dies ist das erste und einzige Mal, daß ich im Umgang mit Lucie das letzte Wort behalte, und auch das nur, weil es sich wirklich um das letzte Wort handelt: Am 16. August ist sie, die fuchtelige Verkörperung des Berliner Mutterwitzes, im Alter von 82 Jahren gestorben.

Keine unserer Feministinnen hat die Männer so das Fürchten gelehrt wie die Eiserne Lucie; aber bei ihr konnte man auch sehen, wie gern Männer sich fürchten. Eine Trinkprobe bei ihr wurde zur Mutprobe. „Einen richtigen deutschen Mann“, sagte Lucie zum Beispiel, „scheinen wir überhaupt nicht mehr zu haben“, und alle, die Rentner mit den Schirmmützen, die Jungen mit den langen Locken, die Leute mit den Aktentaschen von verschiedenstem Prestige, und selbst der Herr, dem sein Chauffeur den Weinkarton ins Auto trug, sie alle nickten Ergebenheit.

Lucie war die pointierteste Vertreterin einer Wirtinnenkultur, die in den letzten Jahrzehnten niederzugehen schien und im Gefolge des neuen Hedonismus wieder auflebt. Abschiede satt: von der „Goldelse“, die fast fünfzig Jahre über die „Raabediele“ in der Sperlingsgasse regiert hatte, ehe Straße, Kneipe und sie selber dem Staatsratsvorsitzenden der DDR Platz machten; Abschied von den drei Schwestern Anagnostopoulos der „Griechischen Weinstube“ in Frankfurt, die einer genormten Trinkfestung weichen mußten. Aber Städte ohne Wirtinnen sind Wüsten. Und so kommen die Wirtinnen wieder (natürlich vom Süden und aus den Weinbergen), aber auch viele junge Frauen in Berliner Lokalen sehen so aus, als hätten sie das Zeug zu einer richtigen Wirtin.

Was Lucie Leydicke so unvergeßlich macht, ist dies: Sie war ein Stück leibhaftiger Sprache, Rede und Gegenrede waren ihr Lebenselexier. Wörter als Schnappschüsse, Einsilbigkeiten als Dramoletts, der Schimpf als Zuspruch und Trost. Und Traktate gab es auch: Wenn sie etwa über den Unterschied zwischen Wesen und Geschöpf dozierte, über das Stammhaus der Firma meditierte. („Das hat mein Schwiegervater gebaut von unten bis ans Dach, für 300 000 Mark. Diese Neubauten, das sind ja doch die reinsten Kuhställe, das spottet ja Hohn“) Sie hatte eine unentwegte Wut auf jegliche Obrigkeit, besonders auf die Sozialdemokraten aus der Ersten Republik. „1919 kommen die mit drei Mann her zu mir, wollen mich werben, Minister oder so, aber ich sage, ich kann nicht gleichzeitig guter Kaufmann und guter Politiker sein, geht man wieder nach Hause. Aber ich paß auf euch auf.“