/ Von Ludwig Dietz

Daran besteht kein Zweifel: was dieser Autor äußert, nach einem halben Jahrhundert des Umgangs mit Hölderlin, ist immer aufregend und der Aufregung wert. Ob es der Versuch war, Hölderlins Denken durch die Französische Revolution zu erschließen: Hölderlin als Jakobiner vorzustellen, oder ob er nun in seinem jüngsten umfangreichen Werk seine neue These über Hölderlins Wahnsinn begründet, die alles bisher darüber Gesagte umstürzt, immer wieder stellt sich für ihn Hölderlin als „Fall“ dar, der nach detektivischer Aufklärung schreit.

Das ganz und gar Unerhörte, von Bertaux zuvor nur versuchsweise skizziert, ist diese, jetzt nicht mehr als Möglichkeit, sondern schon als Tatsache ausgeführte Behauptung: Hölderlin war nicht wahnsinnig, er Im’sich nur mit Krankheit kaschiert. Ein anderer Hamlet, benutzte er Formen der Schizophrenie, um ungreifbar und unangreifbar zu werden: um leben zu können. Was bisher über seinen Wahnsinn bezeugt, überliefert, wiederholt, interpretierend verwertet wurde, ist bewußte Irreführung, Legende, Täuschung, Reinfall ...

Weil es die (ironisch?) „im Namen Hölderlins“ angesprochenen „deutschen Freunde Hölderlins“ 40 Jahre lang – sieht man vom Romancier Härtling ab und erinnert man sich der letzten souveränen Zusammenschau alles Geleisteten durch Wilhelm Michel – versäumt haben, eine lesbare große Hölderlin-Darstellung vorzulegen, sie es vielmehr bei Bloß-Philosophischem beließen, muß jetzt dieses deutsche Buch des Franzosen

Pierre Bertaux: „Friedrich Hölderlin“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1979; 664 Seiten, 48,– DM.

als Gesamtes wie die Öffnung eines neuen Horizontes wirken; der Verfasser frappiert inhaltlich, vermittelt enormes Wissen und summiert zugleich all seine außerordentlichen Fähigkeiten des Schreibens. Hölderlin, seit Januar 1802 Hofmeister in Bordeaux – hier kann die auf wenige Kernstücke reduzierte Vorstellung des Inhalts beginnen –, „erhält Anfang Mai einen Brief Susette Gontards (Diotimas), der ihr Ende vorhersagt“. Er kündigt „daraufhin“ sofort, „um die Geliebte noch einmal zu sehen“, durchquert Frankreich, überschreitet die Grenze „und geht nach Frankfurt“, wo Susette, seit elf Tagen an Röteln erkrankt, im Sterben liegt. „Ein Freund und der Gentleman-Ehemann ermöglichen Hölderlin, in ihrer Todesstunde am 22. Juni bei ihr zu sein. Da Tratsch und Skandal zu vermeiden sind, mußsich alles im geheimsten zutragen und ist jeder

Beteiligte zum Schweigen verpflichtet.“

Hölderlin kehrt über Stuttgart nach Nürtingen heim. Hier ist inzwischen ein von Bordeaux abgeschickter Koffer angekommen; weil die Mutter seit langem ohne Nachricht war, „hat sie ihn geöffnet und dabei auch Briefe Susettes gefunden“; dadurch wird ihr klar, weshalb der Sohn bisher ihren Plänen – etwa in eine Pfarre einzuheiraten – nicht folgen wollte. „Sie empfängt ihn mit Vorwürfen wegen dieser Liebschaft“, ohne zu wissen, daß er vom Sterbebett der Geliebten kommt, und ohne zu ahnen, in welchem Zustand er sein muß. Der so aufs äußerste Gereizte wirft „in einem Wutanfall“ die Mutter und alle anderen aus dem Haus. Die Mutter „hält diesen Wutanfall“ jedoch für Tobsucht und wird nicht mehr von ihrer Ansicht abgehen, der Sohn sei wahnsinnig. Über Sinclair versucht sie zu dem ihr seither immer kälter gegenüber stehenden Sohn gleichwohl Kontakt zu halten; dieser Freund und Beschützer Hölderlins hat ihm 1804 ans eigener Tasche eine Sinecure im Ländchen Hessen-Homburg verschafft, so daß er hier leben kann.

Sinclair schreibt ihr einmal – „was keineswegs als den Tatsachenverhalt höflich abmildernd, sondern als vollständige Korrektur der Meinung der Mutter zu verstehen ist“: Das, was Gemütsverwirrung bei Hölderlin scheine, sei „eine ans wohlüberlegten Gründen angenommene Äußerungsart“. Als 1805 Sinclair – denunziert, die Ermordung des Kurfürsten von Württemberg in planen, um hier einen Umsturz zu erreichen – auf Begehr der württembergischen Regierung verhaftet und ausgeliefert wird, gerät auch Hölderlin als enger Freund „in größte Gefahr, festgenommen und verurteilt zu werden (vielleicht gar zu Lebenslänglich auf dem Hohen Asperg). Doch Hölderlin gelingt es, sich durch die ihm schon vertraute Maske des Wahnsinns dem Zugriff zu entziehen“: Aussagen (u. a. Sinclaits) und Gutachten (eines Arztes) „benutzen bewußt irreführend diese von Hölderlin angebotene Möglichkeit“. Daraufhin wird verzichtet, ihn, dessen bekannter Wahnsinn sich sogar zur Raserei gesteigert habe, in die Untersuchungen einzubeziehen.

Als Sinclair wieder frei ist, hat dieser, durchaus noch nicht rehabilitiert, keine Zeit mehr für Hölderlin, der darum weiterhin so allein ist, wie noch nie in seinem Leben. Sinclair, der wegen der Immediatisierung Homburgs nun auch noch sein hohes Amt verliert und damit die Mittel, Hölderlins Gehalt zu bezahlen, „will Hölderlin loswerden und schreibt deshalb“ im August 1806 der Mutter, „wiederum erfolgreich den angeblichen Wahnsinn bemühend“: Hölderlin sei inzwischen eine Gefahr für sich und andere, in Homburg sei keine entsprechende Anstalt, sie müsse ihn wegholen. So wird Hölderlin unter Gewaltanwendung nach Tübingen in das Autenriethsche Klinikum gebracht. 1807 kommt er dann bei dem Tischler Zimmer unter. Die Mutter erreicht beim König eine Gnadenrente, zahlbar bis zur Wiederherstellung des Kranken.

Hölderlin, „durch diese Schicksalsschläge – den erlebten Tod“ der Geliebten, die Bedrohung durch einen Hochverratsprozeß, die zwangsweise Rückholung, die „Erdulaung der ‚Zwangsjacke‘“ in der Tübinger Klinik – „zum Krüppel geschlagen, entschließt sich, den von seiner Umwelt geglaubten Wahnsinn weiterhin als Maske zu tragen“: Sühne, Opfer, Rettung in einem. Viel später, „als er die Maske hätte wieder ablegen können“ – etwa nach dem Tod der Mutter, „den er als Befreiung erlebt –, erlaubt ihm das seine finanzielle Lage nicht: Er kann nicht auf die Gnadenrente verzichten“, die bei Wiederherstellung entfiele. Hölderlin „vermag freilich nicht alle“, wie etwa den jungen Waiblinger, der einen Wahnsinnigen vor sich haben „will, völlig zu täuschen etwa nicht Zimmers Tochter Lotte, „sie liebt ihn“.

Atemlos liest das und vieles andere – in reich facettierten Wiederholungen – der deutsche Freund Hölderlins, der Literaturhistoriker, der Hölderlin-Philologe, weil Bertaux, in diesem Buch ein Meister detektivischen Erzählens, jedem Simenon gleichkommt: Ein atemraubender Fall, nach 150 Jahren endlich gelöst!

Tatsächlich? Atemlos las es der Historiker auch deshalb, weil er merken mußte, daß nicht nur mit einer Hypothese gearbeitet wird, sondern mit einer Vielzahl oft voneinander abhängiger Hypothesen; darum beunruhigt, fragte er sich, ob das ein Historiker verkrafte, ohne seine Qualität zu vernichten – oder will Bertaux kein Historiker sein, obschon er (übrigens fälschend) sagt, er sei derjenige, der die Lebensdokumente zum ersten Mal, eben hier, gesammelt und gesichtet habe (was Beck in der Stuttgarter Ausgabe getan hat und woraus sie Bertaux auch zitiert)? Denn längst ist das keine Interpretation mehr, sondern eine Reihung kühner Spekulationen, von denen jede, wenn überhaupt auf irgendwelchen Beinen, dann auf so instabilen daherkommt wie dem (einzigen) „Zeugnis“ (nach 50 Jahren, eines 1802 Fünfjährigen) für die so wichtige Koffergeschichte. Aber vielleicht brauchen sie gar keine Beine? Hochfliegende Phantasie trägt über alle Untiefen hinweg? So etwa darüber, daß Waiblinger – dessen intensives Zeugnis so konträr ist (und das deshalb umgekehrt werden mußte) – nicht deshalb Hölderlin als Wahnsinnigen sehen will und muß, weil er den Roman eines Wahnsinnigen zu schreiben beabsichtigt, sondern, daß er, nachdem er Hölderlin kennengelernt hat, tief beeindruckt nicht anders kann, als den Roman eines Wahnsinnigen zu schreiben.

Die Quellenlage schließt, was in der versuchten Inhaltsangabe kursiv steht, entweder ganz oder fast ganz aus; wo sie Lücken aufweist (War es zeitlich möglich, daß Hölderlin am Todestag Diotimas in Frankfurt war?, Hölderlin-Historiker sagen: nein), ist der Atemraum für eine Möglichkeit derartig gering, daß genügte, sie anzudeuten; auf sie setzt Bertaux jedoch sowohl die Ermöglichung des Besuchs am Sterbebett wie die Verpflichtung zum Schweigen aller – was das Fehlen von Dokumenten erklärt und wodurch er dem Historiker unterm Arm wegzuschlüpfen meint. Die Widerlegung im einzelnen darf man der Hölderlin-Philologie überlassen; sie wird sowieso Zeit brauchen, sich der Verführung durch den Zauber zu erwehren, der von der unerhörten These und ihrer kunstvollen Darstellung ausgeht, und sowieso auf Jahre hinaus immer wieder mit den Wirkungen zu tun haben, die – auch noch nach allen Widerlegungen – davon ausgehen werden.

Wie kommt Pierre Bertaux dazu? Ist sein Wort über den Diplomaten Sinclair, mit dem dessen Aussage über die „hohe Stufe“, die der Wahnsinn Hölderlins erreicht habe, entwertet werden soll, vielleicht auf sein Buch anzuwenden? „Sinclair war ein Diplomat; auf den Wahrheitsgehalt des Gesagten kam es ihm weniger an, als auf die Wirkung“.

Man versteht dieses Buch besser, wenn man sich an einiges aus der Geschichte der deutschen Germanistik im zweiten Viertel unseres Jahrhunderts erinnert: Die Hölderlin-Forschung hatte sich, um ihren Dichter vor nazistischer Deutung und Ausbeutung zu schützen, mit Hölderlin in einen Elfenbein-Turm eingeschlossen, den sie allerdings auch nach 1945 nicht verließ, sondern weiter ausbaute. Der imponierendste Ausdruck dieser Tatsache ist wohl Friedrich Beißners „Große Stuttgarter Ausgabe“.

Hölderlin aus diesem Elfenbein-Turm deutscher Philologie zu befreien, endlich politische und soziale Fragen einzubeziehen, kam deshalb einer Großtat gleich (selbst wenn Hölderlins „Jakobinertum“ von Bertaux nicht richtig gesehen sein mag); da lag es eigentlich nahe, den kranken Hölderlin auch noch aus dem Turm am Neckar zu befreien: indem die Krankheit als freiwillig angenommene Maske interpretiert wird. Wer wollte einfach verneinen, daß dabei vielleicht Entdeckungen zu machen seien – wie schon einmal: als man die vordem als „verwirrt“ geltenden Pindar-Übersetzungen und die Gesänge erst als die großen Dichtungen erkannte, die sie uns heute sind? Und so meint’s wohl Bertaux: Daß diese seine Behauptung einer zweiten „maskierten“ Hälfte des Lebens auch eine neue Sicht der Dichtung eröffnen müsse.