Der Danziger Kompromiß: eine Herausforderung an das Sowjetsystem

Von Christian Schmidt-Häuer

Winston Churchill nannte Polen einst "die Inspiration der Völker". Marian Krzak, Warschaus neuer Finanzminister, verspricht nun, da alle Völker wieder auf das leidgeprüfte Land schauen: "Wir erwarten, irgendwo zwischen Ungarn und Jugoslawien zu landen."

In diesen beiden Aussprüchen manifestiert sich das Wunschdenken innerhalb und außerhalb Polens. Sie verbinden die politischen und ökonomischen Hoffnungen, die sich an den größten Augenblickserfolg knüpfen, den die Arbeiterklasse jemals für ihre Autonomie unter dem Sowjetsystem hat erstreiten können. Doch die Hoffnungen sind vage. Das Wunder von Danzig und Stettin, gewirkt aus nationalem Mut, Besonnenheit und Verantwortungsgefühl, die am Ende der Verhandlungen beide Seiten in jener staatsbürgerlichen Tugend vereinten, die in Rom virtus hieß – dieses Wunder ist ja nur vordergründig eine rein polnische Lösung.

In Wirklichkeit birgt der Danziger Kompromiß den Keim zur Auflösung des Sowjetsystems. Er liegt in der Botschaft, daß Moskaus Hegemonie über Osteuropa auch durch Erosion zerfallen kann, nicht bloß durch Explosion. Die Auszehrung kann durchaus von innen kommen, aus der Unfähigkeit, sich den weltwirtschaftlichen Realitäten anzupassen; es muß nicht immer liberale Aufweichung von draußen sein wie einst im römischen Imperium, von dem Juvenal schrieb: "Üppigkeit drang ein und rächte die besiegte Welt."

Der Kreml verheimlicht nicht, daß er die Botschaft in ihrer ganzen Tragweite verstanden hat. Der erste Kommentar der Prawda, wonach "antisozialistische Elemente" in polnische Betriebe eingedrungen seien und "die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu ihren konterrevolutionären Zwecken ausbeuten", signalisiert Unwillen über den polnischen Kompromiß. An Stelle des militärischen Einmarsches, den sich Moskau zu diesem Zeitpunkt nur in allergrößter Not hätte leisten können, wird jetzt wohl die "kameradschaftliche" Aufmöbelung Warschaus durch die getreuesten Vertreter der Bruderparteien folgen.

Giereks angeschlagene Truppe steht da vor der Gefahr, durch polnische Arbeiter, sowjetische Emissäre und den eigenen Selbsterhaltungstrieb gelähmt zu werden. Ihre fast unlösbare taktische Aufgabe kann nur lauten die Zugeständnisse in einer Weise zu dämpfen, daß weder in Moskau noch in Polen der Geduldsfaden reißt.