/ Von Stephanie Hansen und Hans-Joachim Veen

Die dritte Jugendgeneration seit 1968, die der heute 15- bis 20jährigen, hat in ihrer großen Mehrheit nichts mehr gemein mit jener fast legendär gewordenen, zum Inbegriff kritisch aufbegehrender Jugend hochstilisierten 68er-Generation.

Auf den ersten Blick scheint sie durch drei Grundeinstellungen charakterisiert: Das verbreitete politische Desinteresse, Rückzug in die Privatheit, ausgeprägt individuelle Leistungsbereitschaft zum persönlichen Nutzen.

Diese Tendenzen kennzeichneten bereits die Jugend der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Sie haben sich, wie die repräsentativen Jugenduntersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung von 1974 und 1979/80 zeigen, seit der Mitte der siebziger Jahre sogar noch verstärkt, gleichzeitig haben sie jedoch eine neue Qualität angenommen.

Der Rückzug aus dem öffentlichen Engagement wurde seit der ersten Hälfte der siebziger Jahre als politische Frustration interpretiert, als das Ende einer Utopie und das Eingeständnis eigener Ohnmacht. In diesem Sinne konnte zu Recht von Apathie als einer politisch-pathologischen Erscheinung gesprochen werden. Diese Interpretation wäre jedoch für rund 80 Prozent der heutigen Jugendlichen eine falsche Diagnose. Der gegenwärtige Befund ist weniger dramatisch, er ist eher banal und in gewissem Sinne ganz normal. In den letzten fünf Jahren ist vor allem das Desinteresse an der Politik weiter gewachsen. Nur zehn Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren sind gegenwärtig "sehr stark" bis "stark" politisch interessiert; 90 Prozent dagegen nur "etwas", "kaum" oder "überhaupt nicht". Mit wachsendem Alter und höherem Bildungsgrad wird das politische Interesse zwar entwicklungsbedingt größer – bei den 18- bis 21jährigen steigt es auf gut 25 Prozent, bei Gymnasiasten und Hoch- und Fachhochschülern auf 40 bzw. 44 Prozent – für die breite Mehrheit der jungen Menschen aber scheint die Politik keine zentrale Rolle zu spielen. Sie glauben offenbar, jenseits der Politik ihr Leben gestalten, ihre Interessen verwirklichen und ihre Wünsche erfüllen zu können.

Die verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber der Politik ist nicht (mehr) Ausdruck von Resignation, sondern eines ausgeprägt privatistischindividualistischen Selbstgefühls. Denn die allgemeine Zufriedenheit mit der gegebenen Demokratie in der Bundesrepublik ist außerordentlich hoch. "Sehr zufrieden" bis "einigermaßen zufrieden" sind von den 14- bis 17jährigen 91 Prozent, von den 18- bis 21jährigen immerhin noch 86 Prozent. Die Unzufriedenheit ist bei den Hoch- und Fachhochschülern mit 20 Prozent relativ am höchsten, bei den Real- und Fachschülern mit 8 Prozent am geringsten.

Dieser Zufriedenheit entspricht, gewissermaßen als Kehrseite derselben Münze, daß die wirtschaftliche Lage von den Jugendlichen zu rund 85 Prozent als gut bis mittelmäßig beurteilt wird. Sonder-, Hauptschüler und Arbeiterkinder sehen allerdings mit je 22 Prozent viel schwärzer, sie sind offenbar besonders stark um ihre berufliche Zukunft besorgt. Insgesamt spricht viel für die Vermutung, daß die Systembejahung der Jugend sich eng mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik verbindet, vom Florieren der Wirtschaft abhängt. Diese Einstellung unterscheidet sich kaum wesentlich von der der Erwachsenen und läßt die Frage offen, wie diese Jugendlichen politisch reagieren, wenn der Wohlstand schwindet.