Die Mafia beherrscht das internationale Heroin-Geschäft von Palermo bis New York

Wir haben ein Gesetz erlassen, das in den Grundschulen und Mittelschulen der Insel eine Wochenstunde Unterricht über die Mafia einführt", erklärte der neue Präsident der Region Sizilien, Giovanni d’Aguisto. Ob er sich damit bei der Mafia beliebter macht als sein Amtsvorgänger Mattarella, ist zweifelhaft. Der nämlich wurde im Januar auf offener Straße von der "Ehrenwerten Gesellschaft" umgebracht.

Während die Mafia bisher vor allem Mitwisser, Rivalen, Polizisten und all jene, die sich, gegen Erpressung zur Wehr setzten, aus dem Weg räumte, sucht sie sich neuerdings vorzugsweise prominente Opfer. Vor dem Präsidenten der Region Sizilien starb der Polizeichef von Palermo, Giuliano, im Kugelhagel. Er war auf eine heiße Spur gestoßen, die nach New York führte. Nach Giulianos Ableben stockten die Ermittlungen zunächst – vor allem, weil die Mafia auch den Nachfolger des ermordeten Polizeichefs umbringen ließ.

Schließlich verfolgte Palermos Generalstaatsanwalt Gaetano Costa die Spur weiter und wurde fündig, ehe auch er seine Recherchen mit dem Leben bezahlen mußte. Costa war es seltsam vorgekommen, wieso einige Leute auf Sizilien, allen voran die beiden Bauunternehmer Rosario und Vincenzo Spatolla, so plötzlich reich geworden waren. Das Geld kam aus Amerika, obwohl die Spatollas da doch gar nicht im Baugeschäft tätig waren. Ihre Einnahmen stammten denn tatsächlich auch aus Heroin-Geschäften gigantischen Ausmaßes.

Heroin wurde schon immer durch die Mafia geschmuggelt. Aber seit einem Jahrzehnt hat die Geheimgesellschaft eine Großindustrie daraus gemacht: Der Rohstoff kommt am dem Orient, verarbeitet wird er in Sizilien, exportiert vor allem in die USA. Dann fließt das Geld zurück nach Italien und wird dort ganz – oder fast ganz – legal in Grundstücken, Bauspekulationen, Börsen und Handel angelegt. Entführungslösegelder durchlaufen einen ähnlichen Waschprozeß.

Die amerikanische Organisation zur Bekämpfung des Drogenschmuggels, DEA (drug enforcement agency), schätzt, daß ein Drittel der sechzig Tonnen Heroin, die in den achtziger Jahren in Nordamerika und Europa vermarktet werden, über Sizilien laufen. Diese Menge entspricht einem Umsatz von 42 Milliarden Mark. Die DEA schätzt, daß die Mafia und die mit ihr verbundene Cosa Nostra bereits jetzt auf täglich eineinhalb Millionen Kunden in Europa und Nordamerika zählen können.

Nach Ermittlungen der DEA befinden sich die großen Heroin-Raffinerien in Sizilien. Vier große Mafia-Familien kontrollieren von dort aus die Absatzwege, die über Marseille oder direkt in die USA führen. Diesen Familien waren Palermos Staatsanwalt Costa und Polizeichef Giuliano auf der Spur. Doch während deren Geschäftsverbindungen nach Amerika den Fahndern lange rätselhaft waren, kannten sie sich in den heimischen Mafia-Praktiken recht gut aus.