Joan Baez auf Europa-Tournee: "So klar wie die Luft im Herbst"

Von Klaus Pokatzky

Am Abend des 26. August, vergangenen Dienstag, trafen der Fan und sein Star zum erstenmal zusammen, begegnete Joan Baez aus Los Altos in Kalifornien Renate Gene aus Hannover. Es war in Bremen, bei einem Konzert, 6000 junge, sehr andächtige Leute lauschten Joan Baez. Über 150 000 haben sie in diesen Wochen auf ihrer Rundreise durch Europa gehört: in München, und Wien, in Athen und Lissabon, in Oslo, Stockholm und Kopenhagen. Denn die Sängerin ist nicht zum lebenden Denkmal des Jugendprotests der 60er Jahre erstarrt. Sie ist eine Art moralische Institution geworden, die mittlerweile auch; jene anerkennen, die sie früher eher belächelt und beschimpft haben. Und sie ist ein Star geblieben.

Die Begegnung zwischen der 26jährigen Renate und der 39jährigen Joan vollzog sich unbemerkt von den 6000 anderen. Renate ist ein stiller Fan. Sie macht Straßenmusik in Hannover, spielt Gitarre und singt Lieder von Joan Baez. Zu Hause hat sie 48 Langspielplatten von ihr. Nach Bremen trampte Renate mit ihrem Hund "Sascha". Er heißt so nach einem Song von Joan Baez. Ihr wichtigstes Gepäckstück war ein weißer Briefumschlag mit 300 Mark. Renate hat sie in der hannoverschen Passerelle, einer Fußgängerzone, ersungen und erspielt. Sie sind für die von Joan Baez gegründete Kambodscha-Flüchtlingshilfe "Humanitas" gedacht. Im Gedränge der Fans vor dem Konzert drückte Renate ihr den Umschlag in die Hand.

Hymne des Widerstands

Würde sie den Brief überhaupt öffnen? Ich war skeptisch. Besonders weil Joan Baez, die auch mein Star ist, seit ich 15 war, mir an diesem Abend wenig zusagte. Auch für mich war es das erste Mal, daß ich sie "live" erlebte. Als ich mir meine erste Platte kaufte, war das eine LP von Joan Baez mit traurigen, stimmungsvollen englischen Balladen. Auf dem Cover stand ein Zitat aus dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Time über ihren "vibrierenden, kraftvollen, aufwühlenden Sopran, so klar wie die Luft im Herbst". Mich berührte diese Stimme, auch wenn ich ihre Texte damals kaum verstand.

Ein Lied aber verstand ich sehr wohl: "We shall overcome". Ich habe es damals oft gesunken, bei Ostermärschen gegen Atomrüstung und bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Das war Ende der sechziger Jahre, als die Studenten rebellierten und viele von uns Schülern durch lange Haare und Jeans unseren Teil zur Revolte beitrugen.