Von Paul Wunderlich

Es kann ein größter Künstler nichts ersinnen / was unter seiner Fläche nicht ein Stein / in sich enthielt, doch nur die Hand die ganz / dem Geist gehorcht erreicht das Bild im Steine. Damit meinte Michelangelo natürlich seinen Marmor, aber erlauben Sie mir, dieses wunderschöne Sonett zu beziehen auf die Königin der graphischen Künste, die spröde Dame unter den plumpen Händen der Stümper, die gefällige Dirne in den glatten Fingern schamloser Reproduzierer, auf die Lithographie.

Der Stein ist alt, auf den ich zeichne, Millionen Jahre, ich weiß nicht, wieviel. Er ist schwer, schön, geheimnisvoll, unbeweglich, stumm. Er ist kalt, unberechenbar, autoritär und unterwürfig. Er wiegt mir tausend Bleche auf, und seien sie vom feinsten. Seine Oberfläche ist pastellfarbener, versteinerter Samt. Sie verbirgt die Erinnerung an alles, für das er vor mir still hielt, als sei er nur ein grober Klotz, und sie verspricht immer von neuem jene schönste der Lithographien, die alles übertreffen wird, was vorher war.

Aus dem Wechsel von Ätzen und Entsäuern von Bezeichnen oder Bemalen, besteht die eigentliche Arbeit des Lithographen. Ach Koschatzky! Besteht sie darin? (Walter Koschatzky ist Kupferstichkabinettsdirektor in Wien und Autor des Buches "Die Kunst der Graphik". Die Red.)

Ich gehe zur Lithographie und finde das Leben. Mut und Furcht, Imagination und Schwerfälligkeit, Entdeckerlust und Sicherheitsdenken erfüllen mich. Wer gehorcht wem, der Stein mir oder ich ihm. Wir werden uns arrangieren, oder auch nicht. Wortlos und ohne Zeugen gehen wir miteinander um, das Terrain ist groß und unübersichtlich, jeder Schritt, den ich tue, ist entweder richtig oder falsch, jedenfalls nicht reparabel. Bei meinem tausendsten Stein bin ich nervös, voller Spannung wie bei meinem ersten.

Schwarz und spitz ist die fette Kreide, mit der ich beginne: horizontal, vertikal, ich schlage meine Kreuze, eins oben, eins unten – und lasse mich mit meinem Stein allein.

Wer seine Technik gefunden hat (oder einfach übernommen!) und bei ihr bleibt, ist tot. Wer seine Technik vergißt und Neues sucht, der lebt.