Mit den Löwen ist es eine Weile bergab gegangen im Kino: Das Wappentier der Metro-Goldwyn-Meyer brüllt schon lange nicht mehr, und auch der Löwe von San Marco, Schutzpatron der Biennale von Venedig, wachte ein Jahrzehnt lang ausschließlich über die bildenden Künste. Das venezianische Film-Festival, einst neben Cannes das wichtigste überhaupt, fiel 1968 jener europäischen Kulturrevolution zum Opfer, die dann bekanntlich doch nicht recht stattfand.

Nun regt er sichwieder, der Goldene Löwe vom Lido, und nicht einmal so zaghaft. Aus seinem langen Schlaf geweckt hat ihn Carlo Lizzani, der italienische Regisseur und neue Chef der Film-Biennale, die 1980 zum erstenmal wieder mit einem internationalen Wettbewerbsprogramm stattfindet. Über diese Auferstehung kann man sich freuen: Denn anders als in Cannes, wo der gigantische Rummel um das Kino gelegentlich wichtiger scheint als das Kino selber, geht es in Venedig auch heutzutage noch leiser und vielleicht sogar qualitätsbewußter zu. Es laufen erheblich weniger Filme als in Cannes oder in Berlin, doch der alte Glanz der Film-Biennale hat etliche große Namen angezogen, die mehr für riskante Unternehmungen stehen als für den Glamour des konventionellen Erzählkinos: John Cassavetes ("Gloria") und Louis Malle ("Atlantic City USA") ebenso wie Michelangelo Antonioni ("Das Geheimnis von Oberwald") und Werner Schroeter ("Generalprobe", ein Dokumentarfilm über das Theater-Festival von Nancy). Von dem Griechen Theo Angelopoulos, einem der besten Cineasten Europas ("Die Wanderschauspieler") wird ein knapp vier Stunden langer Film über Alexander den Großen zu sehen sein. Immerhin noch 158 Minuten dauert das neue Werk des Brasilianers Glauber Rocha mit dem schlichten Titel "Der Zustand der Welt". Und damit auch der Glanz von Hollywood nicht fehlt, gibt es den zweiten Teil des "Kriegs der Sterne": "The Empire Strikes Back" von Irving Kershner, von der New Yorker Kritikerin Pauline Kael bereits als der schönste amerikanische Film der Saison gefeiert. Die Bundesrepublik läßt sich im Wettbewerb von Peter Lilienthal ("Der Aufstand") und von Christian Rischert ("Lena Rais") vertreten.

Doch in Venedig hält man es nicht anders als bei den anderen bedeutenden Festivals: Die Höhepunkte des Programms sind für die zweite Woche der "Mostra" geplant, die am letzten Donnerstag begann und am 8. September mit der Verleihung. der "Goldenen Löwen" zu Ende gehen wird. So hatte man in den ersten Tagen reichlich Zeit für die phantastische Retrospektive mit dem Werk des Japaners Kenji Mizoguchi und für eine Kostbarkeit von besonderem Rang: Im berühmten Teatro La Fenice fand, mit acht Jahren Verspätung, die Uraufführung eines schon für immer verstümmelt geglaubten Meisterwerkes von Luchino Visconti statt. Helmut Berger ließ es sich nicht nehmen, sich selber als tragischen Bayern-König "Ludwig" in dem nunmehr in der authentischen Länge von 262 Minuten (!) rekonstruierten Epos über einen unmöglichen Traum und das langsame Sterben eines grandiosen Wahns zu betrachten.

Die Hommage an Visconti, zu dem die Venezianer am Sonntagnachmittag in festlichen Gewändern erschienen, kennzeichnet den einzigartigen Charme dieses Festivals. Nur das im ganzen goldenen Prunk des alten Venedig erstrahlende Teatro La Fenice, das Visconti einst selber als Kulisse benutzt hatte (in "Senso"), schien der angemessene Rahmen für diese Premiere. Man achtet auf Stil in Venedig, und wenn sich der Gast aus dem Norden erst einmal daran gewöhnt hat, daß es Informationen fast nur auf Italienisch gibt (was für ein Festival mit internationalem Angebot nicht ausreicht) und daß die Organisation diesen Namen nur bei allerbestem Willen (der überall reichlich vorhanden ist) verdient, dann steht einer Liebesaffäre mit Venedig und seinem Löwen nichts mehr im Weg.

Das Programm wird gewiß auch noch besser. Es begann recht kläglich mit einem lahmen Alt-Männer-Krimi aus Hollywood: "Going in Style" (deutscher Verleihtitel: "Die Rentner-Gang") von Martin Brest, der davon handelt, wie drei rüstige Greise eine Bank überfallen. Bei diesem flüchtig inszenierten und über Gebühr sentimentalen Gegenstück zu Sinkels "Lina Braake" verließ sich der Regisseur total auf das Charisma seines Star-Trios Lee Strasberg, George Burns und Art Carney, das mit allerlei routinierten Manierismen aufwartet.

Noch unerträglicher war der erste italienische Beitrag, der wohl nur deshalb ins Programm gelangte, weil sein Regisseur einen berühmten Namen trägt: Franco Brogi Taviani, der jüngste der Taviani-Brüder (Paolo und Vittorio inszenierten "Padre Padrone"), versucht in "Masoch" sowohl eine Verfilmung der "Venus im Pelz" als auch ein Porträt ihres Autors Leopold von Sacher-Masoch, der zwar nicht der Sacher-Torte, aber immerhin dem Masochismus den Namen gab. Franco Taviani läßt die dunklen Leidenschaften dieses Mannes, der versuchte, sein Leben zu einem erotischen Kunstwerk zu stilisieren, von einem Schauspieler mit der Ausstrahlung eines pomadigen Pizza-Bäckers nachstellen. Nach zwanzig Minuten fing das Publikum zu lachen, an: als Beispiel unfreiwilliger Komik besitzt das mit filmischem Analphabetismus gestaltete Werk vielleicht einen gewissen Reiz. Die Grenzen unfreiwilliger Komik streifte übrigens auch Liv Ullmann in dem englischen Film "Richard’s Things" von Anthony Harvey, in dem sie völlig überanstrengt eine biedere Hausfrau aus der Provinz darstellt, die nach dem Unfalltod ihres Mannes ein Verhältnis mit dessen junger Freundin beginnt.

Am traurigsten fand ick das Fiasko, das der alte John Huston unter kanadischer Flagge nach Venedig schickte: Der grobschlächtige Thriller "Phobia", die Geschichte eines Psychiaters, der seine Patienten ermordet,läßt nicht einmal im Ansatz ahnen, daß dieser Regisseur einmal "Asphalt-Dschungel" und "African Queen" gedreht hat.