25. August 1980

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler,

kann man sich ein Gespräch, wie Sie es mit Grass, Lenz und Raddatz geführt haben, von Bismarck – selbstverständlich in der Mentalität damaliger Verhältnisse – vorstellen? Der Irrealis ist in der Historie verboten, aber gerade das bringt Spaß. Fontane wäre bereit gewesen, Geibei hätte sich aufgedrängt, doch Bismarck hätte abgewinkt. Er kannte von Jugend an kaum die zeitgenössiche Literatur. Wilhelm Busch, den er gern gelesen hatte, reichte nicht aus.

Bülow hätte nur zu gern geglänzt mit seinen reich gemixten Saucen aus Zitaten, die er täglich bei der Morgentoilette auswendig gelernt hat. Aber die Principessa Minghetti, die klüger war als er, hätte es nicht erlaubt. Wedekind wäre nicht gekommen und hätte nicht kommen dürfen, vielleicht Sudermann; aber mit so etwas gaben sich Durchlaucht nicht ab.

Unter den Kanzlern der Weimarer Zeit hätte Stresemann ein solches Gespräch sich wohl kaum entgehen lassen. Er war sehr belesen, aber es reichte wohl

In der Nr. 35 veröffentlichte DIE ZEIT ein Gespräch, das Günter Grass, Siegfried Lenz und Fritz J. Raddatz mit Bundeskanzler Helmut Schmidt führten. Darauf bezieht sich dieser Brief des Tübinger Staatsrechtlers Theodor Eschenburg

nur bis Spielhagen. Ob Fontane noch dazugehört hat, weiß ich nicht. Und wer hätte sein Partner sein können? Vielleicht Thomas Mann? Dieser war sehr anpassungsfähig. Emil Ludwig und Stresemann kannten sich, aber das hätte nichts gebracht. Döblins Alexanderplatz hätte Stresemann nicht mehr lesen kön nen, und ebenso wenig wohl Brechts Dreigroschenoper. Wenn er überhaupt Heinrich Manns Untertan gelesen hätte, dann sicherlich mit Abscheu.