Von Peter Christ

Bundesarbeitsminister Herbert Ehrenberg könnte gelingen, woran die Opposition bisher scheiterte: die Arbeitslosigkeit zum Wahlkampfthema zu machen. Vor der Bundespressekonferenz kündigte der Minister Konjunkturprogramme für den Fall an, daß sich die wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik weiter verschlechtere. "Eine sozialdemokratisch geführte Regierung", sagte der Minister, der sich seines Stuhls am Kabinettstisch nicht mehr sicher ist und der Publicity braucht, "wird eine steigende Arbeitslosigkeit nicht hinnehmen." Vollbeschäftigung müsse Priorität haben vor Preisstabilität und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht.

Ob Ehrenberg mit diesem Vorpreschen seinen Kabinettssitz gerettet hat, ist höchst zweifelhaft. Die Regierung war eigentlich zufrieden damit, daß die seit Februar ständig steigenden Arbeitslosenzahlen keinen Wirbel machten. Die Gewerkschaften, der Regierung wohlgesonnen, verhielten sich einigermaßen ruhig. Die Opposition störte kaum. Der Wirtschaft, die seit Monaten über Arbeitskräftemangel klagt, wollte sie nicht in den Rücken fallen. Und die Öffentlichkeit schien sich an hohe Arbeitslosigkeit gewöhnt zu haben.

Das Desinteresse wird jedoch sehr schnell politischem Druck weichen, wenn Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, mit seiner düsteren Prognose richtig liegt, und zum Jahresende wieder eine Million Arbeitnehmer in der Bundesrepublik ohne Job sind. Der negative Trend ist nicht gebrochen. Die Arbeitslosenzahlen für August, die Stingl am Mittwoch bekanntgab, brachten eine weitere Verschlechterung (siehe Tabelle Seite 18). Alles hängt jetzt vom September ab, der in guten Jahren immer vielen Arbeitslosen zu neuen Jobs verhilft.

Doch die Konjunktur scheint in diesem Herbst nicht mehr auf Touren zu kommen. Und der Bundeskanzler wird wohl bald wieder auf eine beliebte Methode zurückgreifen müssen, um den Deutschen zu zeigen, wie gut es ihnen eigentlich geht: Er wird auf das Ausland zeigen, in dem es viel schlimmer aussieht. Der Blick über die Grenzen kann tatsächlich Furcht einflößen: In den neun EG-Ländern sind fast sieben Millionen Menschen ohne Arbeit. Das ist der höchste Stand seit 1957.

Allein in Großbritannien suchen zwei Millionen vergeblich einen Job. Seit 44 Jahren standen nicht mehr so viele Briten auf der Straße. Allein im Juli verloren 237 000 Leute ihren Job. Doch bald werden sich zu den aktuellen Arbeitslosenziffern kaum noch historische Parallelen finden lassen. Denn für Ende dieses Jahres erwarten die Gewerkschaften 2,5 Millionen Arbeitslose, Mitte nächsten Jahres könnten es sogar drei Millionen sein, die von den kargen Zahlungen der Arbeitslosenversicherung leben müssen. Ein alleinstehender Brite bekommt im Minimum rund 75 Mark pro Woche, für die Ehefrau kommen etwa 45 Mark wöchentlich dazu, für jedes Kind etwa sieben Mark. Ein ehemals gut bezahlter Facharbeiter kann so als Arbeitsloser auf höchstens 150 Mark in der Woche kommen.

Englische Zeitungen wie die Sunday Times rechnen ihren Lesern Woche für Woche vor, wieviel Arbeiter wieder ihren Job verloren haben. Sie drucken schier endlose Listen mit Firmen, die pleite gegangen, sind oder Massenentlassungen angeordnet haben.