Gibt es heutzutage Viele, welche dies Werk, über tausend Seiten, hintereinanderweg lesen? Kaum; es wäre denn, sie wollten was darüber schreiben. Es besteht ja aus einer langen Kette vereinzelter Abenteuer, aus Episoden. Wiederholungen fehlen nicht, da wo Steigerung nicht mehr möglich war; diese Unmöglichkeit stellt ziemlich früh sich ein. Also mag man darin lesen, da und dort, man mag überschlagen.

Übrigens setzt es sich aus zwei Teilen zusammen, der zweite wurde zehn Jahre nach dem ersten geschrieben. Wüßte man das nicht, so würde man es vielleicht nicht merken; da man es weiß, merkt man es. Der erste handelt durchaus von der Spannung zwischen dem irrenden Ritter und seiner Umwelt, zwischen Illusion und Wirklichkeit. Die kommt auch im zweiten noch vor, aber matter und matter; sie tritt zurück hinter großem Welttheäter. Die Erweiterung zeigt sich, neben Wichtigerem, im schieben Raum. Seine erste Ausfährt, die der Ritter noch alleine macht, ohne seinen Knappen Sancho Pansa, wird nach wenigen Kilometern innerhalb der Mancha abgebrochen. Die zweite, Hauptsache des Ersten Teils, dehnt sich über die Mancha und die Berge von Estremadura aus, westlich nebenan. Die dritte Ausfahrt, also der Zweite Teil, führt den Leser durch das weite Spanien: Castilien, Aragon, Catalanien, die große Stadt Barcelona und ihr Hafen; zum ersten Mal sehen die beiden Irrenden das Meer, befahren es sogar. Der schieren Entfernung nach verhalten sich Ausfahrten eins bis drei ungefähr wie eins zu zehn zu hundert.

Unter allen romantischen Einschaltungen oder Verschachtelungen des Romans ist das die sonderbarste: Don Quijote ist ein berühmter Mann, als er das drittemal, auszieht. Denn mittlerweile ist der Erste Teil erschienen und war ein ungeheurer Erfolg, viele Auflagen, viele Übersetzungen in fremde Sprachen, und Don Quijote, in dessen Bibliothek sich nebenbei auch das Werk eines gewissen Miguel de Cervantes befindet, weiß es, man hat es ihm erzählt. Zudem würde er es bald erfahren, denn allenthalben nimmt man ihn nun ehrenvoll auf, zum Beispiel an jenem shakespearehaften, opernhaften Herzogshof im Aragonischen. Da bleibt dann wieder die Frage in der Schwebe, ob man ihn im Ernst als das nimmt, was er sein will, oder ihn so sieht, wie der Vizekönig von Barcelona. Dieser Grande bedauert, daß der Ritter sich zuletzt gezwungen sieht, von seinen Abenteuern zu lassen und sich ins Privatleben zurückzuziehen: Damit, leider, verliere Spanien seinen besten Spaßmacher ...

Im Großen Welttheater wird mit dem Faktor Zeit noch freier umgesprungen als im Ersten Teil; was die Irrealität des Ganzen erhöht. Die erste Ausfahrt dauert sechs Tage, soviel ist sicher. Da ist Don Quijote nahe an fünfzig, seine Haushälterin vierzig, seine Nichte zwanzig. Während der zweiten Ausfahrt wird es schon undeutlicher, was an der Zahl der Kapitel liegt, einige vierzig, und an der Fülle der Abenteuer. Letztere bewirkt, daß Sancho Pansa glaubt, man sei schon einen Monat unterwegs, während es in Wirklichkeit drei Tage sind und nach weiteren zehn Kapiteln vier Tage. Soll man etwa einen Monat für die zweite Ausfahrt rechnen? Und zwei Monate für die dritte, also den Zweiten Teil? Etwa in dessen Mitte behauptet Don Quijote, der genauer zählt als der Knappe, man sei jetzt 25 Tage unterwegs.

Die Kernfrage der Dauer, wenn es denn sinnvoll ist, sie zu stellen, liegt aber zwischen dem Ersten Teil und dem Zweiten: an der langen Pause, die der Autor machte und an welcher er, darauf kömmt, es an, seine Helden partizipieren läßt; Denn der Erste Teil mußte ja geschrieben werden, von jenem sagenhaften Mauren, Hamet Ben-Engeli, der, laut Cervantes, ihn auf arabisch schrieb, oder, wie Don Quijote vorzieht, von jenem bösen Zauberer, der ständig ihn verfolgt und täuscht und eben darum auch von allen seinen Abenteuern weiß, den kläglich gescheiterten und den einigermaßen geglückten. Das Werk also mußte geschrieben werden und so berühmt werden wie sein Held. Wieviel Zeit das in Anspruch nahm? Wie lange: Ritter und Knappe in ihrem namenlosen Heimatdorf saßen, ehe sie noch einmal auszogen, damit ein Zweiter Teil geschrieben werden könnte? Genau gesagt wird das nicht, viel weniger gezeigt. Immerhin bemerkt Sancho, Anfang Teil zwei, er sei jetzt zu alt geworden, um noch Gouverneur jener Insel zu sein, die Don Quijote ihm am Anfang aller Anfänge versprochen hatte. Und die habe er ihm versprochen vor zwanzig Jahren. Dann müßte der Ritter jetzt siebzig sein, die Haushälterin sechzig, und entsprechend älter die wohlmeinenden, kritisch besorgten Dorfkumpane, die alle noch leben, der Pfarrer, der Barbier, der Magister Samson Carrasco und die unverheiratete Nichte.

Von solchen zwanzig Jahren erfahren wir nichts. Ohne Bedeutung? Doch nicht ganz. Wer so mit der Zeit umspringt, gesteht Irrealität ein; Irrealität trotz aller Erdnähe, Menschennähe im Einzelnen: diese beinahe sechshundert mit Namen, Gesicht, Charakter im Roman erscheinenden Spanierinnen und Spanier, von den Kollektivgruppen, Hirten, Eseltreibern, Banditen, Sänftenträgern, Strafgefangenen, Mönchen und Priestern, Bürgern, Kaufleuten, Schauspielern und so weiter nicht zu reden; die Hitze des Nachmittags und die Geräusche der Nacht in Wald und Berg; das Schmerzen der Wunden und der Prügel, Hunger und Durst, Essen und Saufen, Krachen und Stinken; Musik und Gelächter und Tränen.

Die Fülle des Wirklichen überwältigt den ursprünglichen Vorsatz, läßt ihn oft oder nahezu in ihr ertrinken. Der Vorsatz: die im Spanien des 16. Jahrhunderts gängige Ritter-Helden-Literatur durch Parodie lächerlich zu machen. Ein guter Zweck, wenn wir den Historikern glauben dürfen; aber eines solchen Unternehmens doch nicht wert, so wenig wie anderthalb Jahrhunderte später die Verspottung von Leibnizens Theodizee – Voltaires "Vorsatz" – für sich allein den "Candide" hätte hervorbringen können.