Köln

Am vergangenen Donnerstag fand im Kölner Kolping-Haus eine bemerkenswerte Diskussion statt: Etablierte und Ausgestiegene wagten den Versuch eines Dialogs. Auf dem Podium saßen Bundesinnenminister Gerhard Baum, der frühere Hamburger Justizsenator Ulrich Klug, Rudolf Augstein als Moderator und Horst Mahler, ehemaliger Kampfgefährte von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, der vor ein paar Wochen vorzeitig aus der Haft entlassen worden war. 1973 war er zu 12 Jahren verurteilt worden. Das Thema hieß: "Geht die Staatsgewalt vom Volk ab?" Eingeladen hatte das "Liberale Zentrum" der Domstadt.

Innenminister Baum und Horst Mahler sind mittlerweile alte Bekannte. Sie saßen vor Jahresfrist an einem Tisch der Berliner Spiegel-Redaktion und diskutierten gemeinsam über politische Gewalt und ihre Ursachen. Auch diesmal war es offenkundig: Baum und der Spiegel-Herausgeber Augstein wollten Horst Mahler, der sich längst vom Terrorismus losgesagt hat, als eine Brücke zwischen etablierter Gesellschaft und den staatstragenden Kräften auf der einen Seite und der Terroristenszene auf der anderen aufbauen.

Doch das Experiment scheiterte an diesem Abend. Mahlers Bemühungen, die paar Dutzend offenbar von weither nach Köln gereisten Exgenossen dazu zu bewegen, diesen Staat zu verändern "durch die Form, die das Grundgesetz uns ermöglicht", stieß auf deren zum Teil wütenden Widerstand, und seine Art, dabei im Dozententon zu argumentieren, brachte den Rechtsprofessor Klug dazu, ihm ironisch Bescheid zu stoßen: "Ich habe das Gefühl, Sie stünden kurz vor der Ernennung zum Professor. Sie reden so unwahrscheinlich abstrakt." Mit seinem geradezu inflationären Gebrauch des Wortes "Staat" und seinem Bekenntnis zu demselben ("Wir sind der Staat") rief er Verwunderung und Unmut hervor.

Sowohl frühere Kampfgefährten aus seiner Terrorzeit als auch einige Genossen aus der anschließenden KPD-Phase versuchten, ihr Verhältnis mit dem einstigen Kombattanten ins Reine zu bringen. Dabei ging die Regie des Abends an sie über. Die vier auf dem Podium wurden in die Rolle der Zuhörer gedrängt. Sie waren geduldige Zuhörer.

Sie hörten die Vorwürfe gegen Isolierhaft, Staatssicherheitstrakt und Computer-Überwachung; sie hörten die von Beifall begleitete Überzeugung eines Zuhörers "für mich sind die Gefangenen von Stammheim ermordet worden!"; sie hörten die Furcht vieler im Publikum, wegen mißliebiger linker politischer Aktivitäten nicht in den öffentlichen Dienst aufgenommen zu werden; sie hörten die radikale Ablehnung dieses Staates durch viele dieser jungen Bürger.

Der verurteilte Terrorist Schlaegel, der gerade eine sechsjährige Freiheitsstrafe verbüßt und Hafturlaub hat, rief Baum zum Abschied zu: "Ich möchte Ihnen nur eine gute Karriere im Innenministerium wünschen." Dieser gab zurück: "Vielen Dank, daß Sie gekommen sind." Und als ein junger Mann mit erregter, sich überschlagender Stimme über Konkurrenzdruck und Konsum, Unmenschlichkeit und Profitgier klagte und schließlich, den Tränen nahe, ins Saalmikrophon rief: "Ich will in Eurem Schweinestaat nicht mitmachen", da sagte Moderator Augstein freundlich; "Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag."