Emil Galle – Künstler und Geschäftsmann

Von Helmut Schneider

Bully" ist das Prachtexemplar eines Keramikhundes. Er hat ein zitronengelbes Fell, aus dem blaue Herzen hervorleuchten, und hellbraune Glasaugen, er trägt ein Halsband, das ihm sein Frauchen, eine Prinzessin, einst umgehängt hat. "Bully", ein nobler Hund also und ein schon reichlich betagter (er ist vor rund hundert Jahren in der Werkstatt Emil Gallés in Nancy entstanden), gehört zu den rundum gelungenen Vertretern seiner Art. Ob er allerdings bloß drollig ist oder ganz entzückend, ob er in die Kategorie des gehobenen Kitsches fällt oder nicht, das hängt davon ab, ob einer Keramiktiere mag.

Die etwas plebejischeren Bullies unserer Tage, die ja nicht nur als Schaufensterdekoration dienen, sondern auch zum Wohnzimmerschmuck, beweisen zumindest die fortdauernde Wertschätzung der Gattung. Solche Zuneigung überträgt sich natürlich auf Gallés Hund, entscheidend ist dabei aber, daß er ohne Schwierigkeit als Produkt einer heute noch gültigen Gestaltungsweise anzusehen ist, als Beispiel einer Formgebung, mit der ein Betrachter im Jahr 1980 sich einverstanden erklären kann. Das ist durchaus nicht so bei allen Arbeiten Gallés aus der Zeit um 1880, die den genialen Glaskünstler der Art Nouveau noch keineswegs ahnen lassen.

Da gibt es zum Beispiel Löwen aus Fayence, die damit beschäftigt sind, eine Kerze zu halten. Jedes dieser heraldischen Tiere hält mit einer Vorderpranke, die um einen Palmenstamm herumgeführt ist, ein Wappenschild mit den französischen Lilien. Das Motiv des wappenhaltenden Löwen ist nicht ungewöhnlich, auch nicht die Palme, in deren Blätterkrone der Einsatz für die Kerze versteckt war, diese Ikonographie weist die Leuchter aus als Erzeugnis des historisierenden Kunsthandwerks mit orientalischem Einschlag, befremdlich wirken dagegen die Gesichter der Tiere, die menschliche Züge zeigen – vermutlich die Napoleons III.

Die Verquickung nationaler Symbole (Lilien) und Sinnbildern der Stärke (Löwe) und des Märtyrertums (Palme) mit einem höchst profanen Zweck macht aus den Leuchtern einen patriotischen Gebrauchsgegenstand, der selbst bei Berücksichtigung des geschichtlichen Zusammenhangs heute komisch wirkt. Das Deutsche Reich hatte nach der Niederlage Frankreichs im Krieg von 1870/71 das Elsaß annektiert und Teile von Lothringen. Nancy, nach wie vor auf französischem Territorium, war zu einer Stadt in unmittelbarer Nähe zur Grenze geworden. So ist es verständlich, daß der Patriot Galle auch bei abendlichem Kerzenlicht die Erinnerung an diese schändliche Tat wachhalten wollte. Doch das ändert nichts an der Tatsache, daß die Leuchterlöwen mit der verschlüsselten Botschaft, die im Falle eines Exports ins besetzte Gebiet spähenden deutschen Augen ja verborgen bleiben mußte, zu den historisierenden und sentimentalen Nippes gehören, die den hohen Anspruch, den ihr Inhalt stellt, nicht einzulösen vermögen.

Eine andere Art von ausgefallenen Einfällen demonstrieren Vasen in Form eines aufrecht stehenden Meßbuches – der Platz für die Blumen ist in den Hohlräumen zwischen den aufgeschlagenen Seiten – oder eine Malpalette, die durch plastisch aus dem Gefäßkörper herauswachsende Utensilien, Messer und Pinsel, gestützt wird. Das sind Gegenstände, die in eine Zeit passen, die auch das Makartbukett erfunden hat, sie erzählen vom Geschmack jener Jahre, den wir heute belächeln. Vielleicht zu Unrecht.