Vor den Polen liegt noch eine lange Durststrecke

Von Marion Graf in Dönhoff

Es gibt ein russisches Sprichwort: "Wenn die Fahnen flattern, ist der Verstand in der Trompete." Die weiß-roten Fahnen Polens flatterten mit Recht, denn die siebzehn Streiktage an der polnischen Ostseeküste haben das Land von Grund auf verändert. Man muß nur hoffen, daß die Arbeiter, die bisher solch präzise Millimeterarbeit geleistet haben, die Trompete auch weiterhin in der Ecke lassen, in der sie während der ganzen Zeit stand, obgleich Trompetenstöße – als ein Fanal, das historische Stunden kündet – eine durchaus angemessene Begleitmusik wären.

Denn das, was dort auf der Danziger Werft erreicht wurde, ist zwischen Elbe und Ussuri einmalig: freie Gewerkschaften, in geheimer Wahl gewählt, und ein verbrieftes Streikrecht. Und Hand aufs Herz: Noch vor einer Woche schrieben einige und dachten sehr viele hierzulande, die einzige Frage sei, wer zuerst eingesetzt würde: die polnische Miliz oder die sowjetische Armee.

Die Ohnmacht der Macht, die doch die Amerikaner schon in Vietnam mit erbarmungsloser Deutlichkeit zu spüren bekamen und die nun in Afghanistan dem Militärapparat der Russen keinen Erfolg vergönnt, wollen viele Leute nicht zur Kenntnis nehmen. Und tatsächlich bietet ja ein Blick auf die Karte auch ein wirklich beängstigendes Bild. Rund um Polen steht eine sowjetische Division neben der anderen: 33 an der Ostgrenze des Landes, 20 im Westen Polens, in der DDR, und 5 im Süden, in der ČSSR – zusammen 60 Divisionen mit etwa 720 000 Mann, die Ostdeutschen und Tschechen nicht mitgerechnet, dazu 16 000 Panzer. Aber die Solidarität der 250 000 polnischen Arbeiter genügte, um diese riesige Militärmaschine zu neutralisieren.

Freilich bedurfte es auch der Gelassenheit jenes unauffälligen Mannes, der in diesen dramatischen Tagen zum Chef des gewaltlosen Aufstandes wurde. Lech Walesas Zuversicht und Entschlossenheit werden offensichtlich aus anderen Quellen gespeist als denen weltlichen Machtbewußtseins.

Maßvoll und besonnen gingen die Arbeiter unter seiner Ägide vor. In keinem Moment wollten sie das Regime stürzen oder auch nur gefährden. Sie wollten ganz einfach ihre Interessen besser vertreten wissen. Diese Interessen erschöpften sich nicht in der Forderung nach mehr Fleisch und wenigstens ein bißchen Wohlstand, obgleich sie beides seit langem entbehren, sondern sie verlangten ihr Recht als Arbeiter und als Bürger. Und sie hatten dabei stets das Ganze im Sinn. Sie setzten die Freilassung aller politischen Gefangenen durch – Kuron und Mischnik und die anderen inhaftierten Dissidenten sind bereits am Montag wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ferner wurde ihnen die Aufhebung der Zensur zugesagt, Gewährung von Redefreiheit und Zulassung der Kirche zu den Massenmedien ...