Gerhard Schröder wird 70

Von Olaf von Wrangel

Gerhard Schröder, am 11. September 1910 in Saarbrücken geboren, wird siebzig Jahre alt. Er war ein Politiker der ersten Stunde und hat unser Staatswesen von Anfang an mitgeprägt. Dem Deutschen Bundestag gehört er seit 1949 an. Von 1953 bis 1969 leitete, er drei der wichtigsten, Bundesministerien: die Ressorts für Innere, Auswärtiges und Verteidigung. Seitdem Regierungswechsel 1969 ist er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Trotz seines politischen Ranges vermochte Schröder nie wie ein Volkstribun die Massen in Bewegung zu bringen. Dennoch haben sich die Gemüter selten so erhitzt wie an seiner Politik. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich dadurch, daß es ihm immer um die Sache ging – und dies auch in aller Härte –, daß er es aber stets abgelehnt hat, an billige Emotionen zu appellieren. Seine überragende Sachkompetenz stand außer Frage, und niemand, auch nicht der ärgste politische Widersacher, hat es je gewagt, Schröders persönliche Integrität in Zweifel zu ziehen.

Die Höhen und Tiefen seiner politischen Laufbahn durchschritt er mit der ihm eigenen – im besten Sinne preußischen – Haltung. Viele haben in ihm den Kronprinzen Konrad Adenauers gesehen. Im Jahre 1966 wäre er von seiner Partei denn auch fast für das Amt des Bundeskanzlers nominiert worden. 1969 unterlag er nur knapp im dritten Wahlgang als Bewerber für das höchste Amt im Staat, die Bundespräsidentschaft. Der damalige Bundeskanzler und Vorsitzende der CDU, Kurt Georg Kiesinger, begründete den Vorschlag für das Amt des Bundespräsidenten mit der Feststellung, daß sich mit Schröder die Vorstellung von legitimierter Autorität verbinde. Genau dies zieht sich wie ein roter Faden durch das politische Wirken dieses Mannes. Pflichtbewußtsein, Stetigkeit, Sachlichkeit, Ideenreichtum und natürliche Autorität waren und sind prägende Eigenschaften dieser Politikerpersönlichkeit.

In der politischen Geschichte unseres Landes hat Gerhard Schröder tiefe Spuren hinterlassen. Dabei hat er sich nicht nur die Achtung und Bewunderung seiner Freunde erworben, auch seine Widersacher von einst können nicht umhin, dieser Persönlichkeit ihren tiefen Respekt entgegenzubringen. Doch obwohl Schröder lange Zeit an exponierter Stelle gestanden hat, ist vielen sein politisches Credo und sein Wesen ver- verschlossen geblieben. So sprach man von einer wundersamen Wandlung, als er vom Innenministerium zum Auswärtigen Amt wechselte. Als Innenminister war er seinen Gegnern zu autoritär, als Außenminister vielen seiner Freunde zu überparteilich. In Wahrheit ist Schröder sich selber immer treu geblieben: Ein innerlich unabhängiger und – bei aller für ihn selbstverständlichen Loyalität – auch von seinen Parteifreunden nicht steuerbarer Politiker, für den es immer um die von ihm als richtig erkannte Sache ging.

Viele seiner Kritiker haben versucht, vor allem den Innenminister Schröder als erzkonservativen, ja reaktionären Politiker darzustellen. Man hat ihm damit unrecht getan. Seine Grundeinstellung muß vielmehr, wenn man schon eine so pauschale Einordnung vornehmen will, als liberal-konservativ bezeichnet werden. Richtig ist, daß Schröder die demokratisch legitimierte Autorität des Staates aufwerten wollte und daß seine Vorstellung von einer wehrhaften Demokratie dem Bürger Pflichten zudachte, die der Gefälligkeitsstaat ihm zu nehmen trachtete. Seine Sorge vor einem schwachen Staat fand ihren Niederschlag in einer Vorlage zur Notstandsgesetzgebung, die der Exekutive die Möglichkeit zu raschem und effizientem Handeln geben sollte. Er ist damit nicht durchgedrungen. Von dem später ausgehandelten Kompromiß distanzierte er sich, weil er Verwässerungen nicht hinnehmen wollte.