Hamburg

Das "Stoppt Strauß"-Plakat war nichts Neues für die Passanten in der Hamburger Innenstadt. Neu war nur, daß diesmal keine Jungsozialisten, sondern junge Pastoren mit dieser Wahlkampfparole auf die Straße gingen und vor der Hamburger Hauptkirche St. Petri eine Kundgebung veranstalteten, die nachher in den Zeitungen als "Mahnandacht" apostrophiert wurde.

Weniger neu ist es wiederum, daß sich das Kirchenamt der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche schwertut mit den unruhigen jungen Pastoren. Gegen die fünf Pastoren, die an der Kundgebung vor der Petri-Kirche teilnahmen – fünf weitere Hamburger Pastoren erklärten sich mittlerweile mit ihnen solidarisch – wird zur Zeit ein kirchliches Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die möglichen disziplinarischen Konsequenzen reichen von der Ermahnung bis hin zur Entfernung aus dem Dienst.

Die Kirchenoberen sehen in der Anti-Strauß-Kundgebung eine Amtspflichtverletzung. Tatsache ist, daß die Pastoren "vorgewarnt" waren. Als sie nämlich am 12. Juni 1980 einen "Stoppt Strauß’-Aufruf ("Christen rufen zum Widerstand") unterschrieben, reagierten die drei Bischöfe Nordelbiens – Hübner, Stoll und Wölber – prompt mit einem offenen Brief:

"Wahlkampf ist nicht Sache der Kirche. Eine politische Aktion dieses Stils kann nicht Sache der kirchlichen Amtsträger sein. Die politische Mäßigung kirchlicher Amtsträger ist ein Gebot der Fairneß und um der Freiheit der Verkündigung willen unerläßlich. Politische Auffassungen und Kritik an Politikern dürfen nicht gleichgesetzt werden mit einem christlichen Bekenntnis. – Gleichzeitig beschwören Sie eine Radikalisierung und Scharfmacher des Wahlkampfes herauf, die der politischen Situation in unserem Lande in keiner Weise angemessen ist. Niemand sollte anderen predigen und selbst verwerflich werden."

"Den letzten Satz begreife ich am allerwenigsten", sagte Klaus-Peter Lehmann, 34 Jahre alt, einer der fünf Pastoren, gegen die nun ermittelt wird. "Ich sehe darin nichts Verwerfliches, eine Kundgebung aus christlicher Verantwortung zu gestalten. Wir wollen Strauß doch gar nicht als Person anmachen, wir wollen nur auf die durch ihn personifizierte Gefahr aufmerksam machen, die unserer demokratischen Gesellschaft droht, wenn wir schweigen. Das war doch der Vorwurf gegen die Kirche, daß sie damals, in der nationalsozialistischen Vergangenheit, zu lange geschwiegen hat."

Die schwache Stelle der Anti-Strauß-Kundgebung lag offensichtlich darin, daß die fünf Pastoren bei ihrem "moralischen Engagement" die Vorgabe ihrer geistlichen Autorität benutzten, um ihr eigenes politisches Bekenntnis abzulegen.