Von Kurt Becker

Soll das Schlagwort von der "Volksfront" zum Knüller der letzten dreißig Tage eines blutleeren Wahlkampfes werden – weil sich anders kein Dampf mehr machen läßt? Oder weil der Kanzlerkandidat und andere Unionsführer auch glauben, die Anti-Strauß-Kampagne könnten sie wirkungsvoller nicht konterkarieren als mit dem Volksfront-Slogan? Da fließen wohl beide Erwartungen zusammen.

Dem Kanzler schwante von Beginn an nichts Gutes, als die ersten Randalierereien auf einen rabiaten Verlauf des Kampfes gegen Strauß hindeuteten. Die SPD-Spitze befürchtete nachteilige Rückwirkungen auf das eigene Ansehen und erermahnte die Parteimitglieder, sich vor falscher Solidarität mit kommunistischen und linksextremistischen Gruppen zu schützen. Doch seit der Straßenschlacht in Hamburg, wo die Jusos und acht Bürgerschaftsabgeordnete die Abgrenzungsbeschlüsse der Partei – formell ungerügt – in den Wind schlugen und mit Kommunisten und Stadtindianern gemeinsam gegen Strauß zu Felde zogen, gehört die Volksfront zum festen Bestand des verteufelnden Wortschatzes.

Mit dem historisch gewachsenen Begriff allerdings, mit der Volksfront als einer Wahl- oder Regierungskoalition zwischen Sozialdemokraten, bürgerlichen Linksparteien und Kommunisten, hat das nichts zu tun. Nichts mit der am stärksten in der Erinnerung haftengebliebenen französischen Volksfrontregierung unter dem Sozialisten Léon Blum im Jahre 1936. Nichts auch mit der Neuauflage dieses Modells unter dem Sozialisten Mitterrand und dem Kommunisten Marchais, die zuletzt vor zwei Jahren bei der Parlamentswahl in Frankreich einen vergeblichen Anlauf unternahm men, die Regierungsmehrheit zu erobern. Seitdem ist das Linksbündnis jenseits des Rheins zerfallen.

Immerhin: Eine Zeitlang schien es, als müsse Westeuropa ein politisches Erdbeben gewärtigen. Vorübergehend drohte ja auch Portugal, nach der Revolution der roten Nelken, in den Sog einer kommunistisch dominierten Volksfront zu geraten – bis die Sozialisten unter Soares sich freischwimmen konnten. Am größten war die Besorgnis von Washington bis Bonn vor einer kommunistischen Regierungsteilhabe in Italien. Doch dort suchte die italienische Spielart des Kommunismus nicht, eine linke Volksfront zu etablieren, sondern einen "historischen Kompromiß" mit den Christdemokraten herbeizuführen; das Ziel war die gemeinsame Regierungsbildung. Doch über eine zeitweilige parlamentarische Partnerschaft der beiden Parteien zur Stützung des christdemokratischen Ministerpräsidenten sind die Dinge nie hinausgediehen.

Der Volksfront-Virus indes, der sich Mitte der siebziger Jahre auch wegen der vielen Varianten des Euro-Kommunismus auszubreiten schien, war keineswegs nur eine konservative Propagandaerfindung. Auch der Kanzler war besorgt. Ein politischer Wettersturz kündigt sich jedoch nirgendwo an. In der Bundesrepublik hat ohnedies nie eine wirkliche Gefahr bestanden: Zwei Prozent Kommunisten sind kein Machtfaktor, die Abgrenzung der Sozialdemokraten nach links ist seit Kurt Schumachers Zeiten und dem Parteiratsbeschluß von 1970 eine strikt eingehaltene Doktrin. Dennoch hat die Existenz eines kommunistischen deutschen Nachbarstaates die Sorge vor einem Linksbündnis bei manchen hierzulande zum Trauma werden lassen.

Die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition, die auch von der Union nicht bestrittene Notwendigkeit des politischen Kontaktes zu Kommunisten in der DDR und den Ostblockstaaten, hat allerdings, vor allein bei intellektuellen und jungen Linken in der SPD, vielfach dazu geführt, daß die von der Parteiführung verhängten Grenzen verschwammen – an den Universitäten, in den Gewerkschaften, bei Protestaktionen.