Annehmbar

"Stau" von Luigi Comencini, italienischer Wettbewerbsbeitrag der Filmfestspiele in Cannes 1979, ist eine Komödie über die absurde Alltäglichkeit eines gigantischen Autostaus auf einer römischen Ausfallstraße. Eine Katastrophen-Komödie in Beckett-Manien – über die permanente Katastrophe, den endgültigen großen Stillstand. Wie in Bunuels "Würgeengel" bringt das ausweglose Eingeschlossensein die Aggressionen und Frustrationen der Betroffenen zum erschreckenden Ausbruch. Comencini ("Die Sonntagsfrau", 1975) hat mit diesem Film, der ihn seit 1972 beschäftigt, eine bittere und desillusionierte Allegorie auf die gegenwärtige italienische Gesellschaft beabsichtigt. Doch die willkürlich anmutende Kompilation von Sketchen und die stereotypen Figuren lassen "L’ingorgo, una storia impossibile" (Originaltitel) bestenfalls als sinistre Groteske über den Fetisch Auto erscheinen, bei der sich das Interesse des Betrachters alsbald darauf beschränkt, die vielen Stars dieser italienischfranzösisch-spanisch-deutschen Coproduktion (Annie Girardot, Angela Molina, Miou-Miou, Stefania Sandrelli, Alberto Sordi, Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Gerard Depardieu, Patrick Dewaere, Harry Baer) in und neben den Blechkisten zu zählen. Helmut W. Banz

Seicht

"Nijinsky" von Herbert Ross. Nijinsky ist eine Legende, nicht nur für Ballett-Narren. "Nijinsky-Gala" nennt der Hamburger Ballett-Chef John Neumeier die Glanz-Tanz-Nacht, mit der er sein alljährliches Ballett-Festival beendet Der Name tut weh: Gala (Pelz, Straß, Smoking, Décolleté) zu Ehren eines polnisch-russischen Tänzers, der 1888 in Kiew geboren würde, mit Diaghilews "Ballets Russes" kaum zehn Jahre lang einen internationalen Erfolg hatte wie nach ihm kein Tänzer mehr, und der die letzten Jahrzehnte seines Lebens, bis 1950, in Londoner Irrenanstalten dahindämmerte – als Mensch vergessen, verehrt als Tanz-Gott. Welche Chance für einen Film, Hinter und Abgründe dieses Künstlers zu erhellen. Der Günstling Diaghilews heiratet aus Trotz und-Laune eine Tänzerin – und verliert damit die Zuneigung seines Gönners, alle Sicherheit, den Glauben an sich. Weil sein bisher letzter Film, "Am Wendepunkt", im Milieu von Tänzern spielte, hielt man Ross für geeignet, das Zwitter-Dasein dieses Tänzer-Choreographen in ein Kino-Drama zu vermachen. Ross wollte keinen Ballett-Film machen. Hätte er doch. Jetzt quält sich die Geschichte dahin als tränenfeuchtes besseren Stück im Künstler-Milieu und den besseren Kreisen. Unerheblich für die Ballett-Geschichte, auch für Zeit- oder Kultur-Historie, die damals zwischen St. Petersburg, Paris, Monte Carlo, Budapest so interessant war – schlimmer: ein Film von stienger Langweile.

Rolf Michaelis

Langweilg

"Die Seewölfe kommen" von Andrew V. McLaglen. Um während,-des Zweiten Weltkriegs eine deutsche Spionagezentrale im neutralen (damals portugiesischen) Hafen von Goa auszuschalten, bemühen zwei britische Offiziere (Gregory Peck, Roger Moore) die Mitglieder eines Veteranen-Vereins in Kalkutta, die bislang ihre Zeit mit Polospiel und Whiskykonsum totgeschlagen haben. Die reaktivierte Rentner-Gang (David Niven, Trevor Howard, Patrick Macnee) besteht ihr letztes Gefecht mit Bravour – zu den verpopten Klängen des "Warschauer Konzerts"! "Die Seewölfe kommen" ist ein von Routinier McLaglen ("Die Wildgänse kommen") zähflüssig inszeniertes Spektakel vom Schlage "Endlich kann es erzählt werden" (doch wen interessiert’s schon?), das unter Berufung auf historisch verbürgte Fakten den Krieg aus der heroisierenden, mitunter gar "humoristischen" Perspektive eines Husarenstücks für harte Männer schildert.