ZDF, Sonntag, 7. September, 22.45 Uhr: "Besichtigung von Innenräumen – Einladung in Ludwig Zimmerers Privat-Museum", von Andrzej Wajda

Ein Bart füllt den Bildschirm. Ernst, oft verschmitzt, schwäbelt eine Stimme aus dem Haarwald, über dem manchmal die gütigen Glutaugen eines anderen Messias leuchten. Und was hören wir? "Dies hier ist ein noch sehr rüstiger Teufel... Und hier ein Christus, der wohl kaum mehr hochkommt..."

Bart, Stimme und Augen sind die des Hörfunk-Korrespondenten der ARD, Ludwig Zimmerer. Er führt uns durch sein Haus in der Dabrowiecka 26 am anderen Ufer der Weichsel. Über sein Haus, in dem er vom Keller bis zum Dachboden, an allen Wänden, auf dem Fußboden und – mit Klapp-Brettern – darunter, an die achttausend Werke polnischer Volkskunst gespeichert hat, gab es in letzter Zeit manchen Bild-Bericht. Zimmerer, ein Grübler von bester altschwäbischer Art, erschien da oft als Wanderprediger der Folklore. Knorzig Geschnitztes aus Volkes Hand, welches "grüne" oder (bloß von einem nostalgischen Anfall attackierte) Sammler-Herz in kapitalistische! Brust schlägt da nicht höher?

Danke, Andrzej Wajda: Mit solchen Klischees und Vorurteilen räumt der Film auf. Man erwartet, einen weiteren "großen" Film dieses Meister-Regisseurs aus Polen – und wird mit einem wild gedrehten, hart geschnittenen, wüst komponierten Bericht einer Expedition konfrontiert. So roh, so unbeholfen wie die Kunst seiner Landsleute ist, präsentiert sie dieser im gelackten deutschen Fernsehen auffällig ruppige Film. Alles Museale, das Zimmerer zu vermeiden sucht, das sich aber einstellt, wenn mehrere Tausend Bilder & Skulpturen aufeinandergetürmt werden, hat Wajda aus dem Film verbannt. Etwas von der Spontaneität, die diesem Volk eigen ist, von einsamen Holzschnitzern bis zu organisierten Stahlarbeitern in Danzig, kippt der Film in deutsche Stuben. Zimmerer selber nennt sich "Briefträger" für die Botschaften der Laien-Künstler, von denen er neunzehn vorstellt. Daß Wajdas Film – Folklore hin, Kunst her – uns auch politische, soziale, religiöse Nachrichten mitteilt, ist in diesen Tagen nicht die schlechteste Flaschenpost aus Polen. Rolf Michaelis