Von Mieczyslaw F. Rakowski

Ende letzter Woche wurde zwischen der Regierung und den zwischenbetrieblichen Streikkomitees in Danzig und Stettin Einvernehmen erreicht über die Berufung selbständiger und unabhängiger Gewerkschaften. Nach langen Verhandlungen, über die sowohl die Presse als auch das Fernsehen ausführlich informierten, wurde ein Kompromiß geschlossen, der zur Beendigung der schon zwei Monate andauernden Streiks beigetragen hat.

Die Dauer und das Ausmaß dieser Streikbewegung ist in einem sozialistischen Staat ohne Beispiel. In der Weltpresse wurde zu diesem Thema schon sehr viel geschrieben, ich möchte es also nicht mehr wiederholen. Vielmehr möchte ich meinen Standpunkt über die Ereignisse in Polen erörtern.

Meiner Meinung nach sind vor-allem drei Dinge von Bedeutung:

Erstens: Nach der Streikwelle in Polen darf es wohl klar sein, daß man es nicht mehr mit dem gleichen Land zu tun hat, nicht mit der gleichen Arbeiterklasse, mit der gleichen Bevölkerung und auch nicht mit der gleichen kommunistischen Partei. Die Arbeiterklasse sieht sich jetzt als eine weitaus souveränere Macht als zuvor – so geht es der ganzen Bevölkerung. Die Partei dagegen ist gezwungen worden, energisch um das nun verlorene Vertrauen zu kämpfen, was nicht nur eine grundlegende Umstellung bei der Bestimmung der Sozial- und Wirtschaftspolitik, sondern auch eine prinzipielle Umwandlung des Arbeitsstils und der Arbeitsmethoden erfordert.

Zweitens: Die Entwicklung und Vervollkommnung des sozialistischen Systems kann nur auf dem Wege der Evolution erfolgen. Wer das nicht begreift und über die "Rebellion" der polnischen Arbeiter entzückt ist – von dem kann man sagen, daß er diesen notwendigen und nötigen Prozeß gewiß nicht fördert. Eine allzu große Beschleunigung dieses Prozesses könnte die noch unstabilen Strukturen nur beschädigen. Ich möchte nicht, daß die westlichen Politiker und Journalisten, die sich über die Ereignisse in Polen äußern, die Polen und vor allem die Arbeiter, die gestreikt haben, mit ihrem Übereifer anstecken. Die Arbeiter haben Errungenschaften von großer Bedeutung erreicht. Die Erhaltung und Festigung dieser Errungenschaften erfordern Ruhe, Beherrschung und das Vermeiden der Extreme. Wer diese Notwendigkeit nicht beachtet, der führt – bewußt oder unbewußt – Polen einer grausamen Katastrophe entgegen. Es geht nicht darum, den Teufel einer sowjetischen Intervention oder der nächsten Teilung Polens an die Wand zu malen. Es ist klar, daß die sowjetischen Regierenden die Entwicklung in Polen beobachten – ähnlich wie es Helmut Schmidt oder Giscard d’Estaing tun –, aber das hat mit dem Schreckgespenst einer Intervention nichts zu tun. Indem ich von der Katastrophe spreche, denke ich an ein wirtschaftliches und politisches Chaos, das Polen um viele Jahre zurückwerfen würde.

Drittens: Bei der Analyse des Konflikts zwischen den Regierenden und der Arbeiterklasse muß man die Tatsache beachten, daß die Partei- und Staatsführung von Anfang an auf Gewaltanwendung verzichtet hat, anders als es 1956 und 1970 der Fall war. Die Mittel zur Lösung des Konflikts heißen heute: Dialog, Diskussion, Kompromiß – und das ist wichtig.